Das „Pas de quatre“ – mit Aya Okumura, Yolanda Correa, Sarah Hees-Hochster, Evelina Godunova (v. l. n. r.). Vier Tänzerinnen in weißen Hochzeitskleidern, die in Ballettposen stehen.

Das Gefangenen-Dilemma

Christiane Theobald, Kommissarische Intendantin des Staatsballetts Berlin, über Nähe und Berührung als essenzielle Bestandteile von Tanz und die Folgen der Pandemie für diese Bühnenkunst.

Mit der Corona-Pandemie eröffnet sich ein kontrovers geführter gesundheitlicher Präventionsdiskurs, der das Individuum ebenso wie den Zusammenhalt der Gemeinschaft in den Blick nimmt. Die Pandemie evoziert einen Stresstest an den Grundfesten des Rechtsstaates und der Demokratie, artikuliert sich als Konflikt zwischen Natur und Kultur, zwischen Freiheit und Kontrolle. Gleichwohl, für die Einschätzung und den Umgang mit dem sich rasant ausbreitenden Virus existiert keine Blaupause – sie wächst und verändert sich mit den tagesaktuellen medizinischen Erkenntnissen und erfordert schnellstmögliche Reaktionsoptionen in einer Gratwanderung zwischen den Notwendig- und Möglichkeiten des Schutzes. Für die Tanzenden und das Publikum ist Awareness das Diktum der Stunde – im engen Schulterschluss steht damit Seite an Seite das Postulat kultureller Teilhabe als Basis einer demokratischen Gesellschaft.

Tanz braucht Nähe und Berührung

Mahnend übernimmt das A für Abstand halten! die Position eins der AHA-Regeln im Ringen um die Ausbreitung des Virus, trifft mit großer Vehemenz die Künste und ganz unmittelbar den Tanz – steht er doch synonym für Körperlichkeit und Distanzlosigkeit, verträgt keine Abschrankungen oder Distanzhalter. Vielmehr braucht Tanz Nähe und Berührung, zwingend Berührung und Atmung zugleich. Sich nicht berühren zu dürfen bedeutet für den Tanz nicht nur Erstarrung, sondern kommt einem Maulkorb gleich. Dabei ist es unerheblich, welche Art von (professionellem) Bühnentanz dargeboten wird, ob klassisches Ballett, zeitgenössischer Tanz oder Improvisation; Kontaktverbot und Abstandsregeln werden ihm zu Pfeilen, die ins Mark treffen. Das Grundrecht der Kunstfreiheit ist in Gefahr, „denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Nothwendigkeit der Geister, nicht von der Nothdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen“ (Friedrich Schiller, „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, Zweiter Brief).

Und schon eröffnet sich virusdominiert ein Dilemma, quasi ein Gefangenen-Dilemma, das, ungeachtet der getroffenen Entscheidung, den Tänzer*innen und ihrer Tanzkunst nur zum Nachteil erwachsen kann und die Ausübung ihrer Profession untersagt, eindrücklicher formuliert: verbietet. Ihnen gelten meine Überlegungen. Für die Künstler, die in Kollektiven als Ensemble agieren, ist das gemeinsame Tanzen, Spielen, Singen oder Sprechen prägender Teil ihrer Persönlichkeit und zentraler Fokus ihres künstlerischen Ausdrucks.

Raub der Sprache

Die derzeit abverlangten Abstandsregeln können, solange es sich um Formationen und Muster handelt, auf die klassischen Originalchoreografien der Ballets blancs angepasst werden, sie sind dann „locker gestickt“ und erwecken sogar den Schein des Absichtlichen. Die erzählerische Form des Handlungsballetts hingegen stellt getanzte Dialoge und Gefühle in das Zentrum der Choreografie. Der umfassende Einsatz des Körpers als „Sprache“ entfacht den optischen Reiz und wird zum nachhaltigen ästhetischen Erlebnis. Das Abstandsgebot beraubt die Tanzenden ihrer Sprache. Gerade die Intensität der Körperlichkeit, das Amalgamieren von Körpern aber berührt die Zuschauer. Es gilt: Man begreift nur, was man sieht.

Auch der Energieaustausch mit dem Publikum ist in den auf Lücke besetzten Auditorien ein neues Erleben: Einerseits entfaltet sich eine intensive Konzentration auf das Geschehen auf der Bühne. Im Graben, auf dem Podium herrscht unglaubliche Stille; andererseits ist der Energiefluss ein geringerer, weil die sich gegenseitig aufschaukelnde Erregtheit des Publikums in den neuen Sitzordnungen schwerer zueinanderfindet und somit zarter auf die Bühne ausstrahlt.

Fatale Auswirkungen für die Kunstform

Die Einschränkungen, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie für die Gewährleistung der Infektionsprävention stehen, führen zu fatalen Auswirkungen auf die Kunstform Tanz. Neben den optimal ausgearbeiteten Hygienekonzepten der Theater für die Gewerke operieren wir im Tanz mit Sechs-Meter-Abstand; der Einsatz von CO²-Ampeln und einem ergänzenden Hygienekonzept ermöglicht indes drei Meter bis sogar 1,5 Meter Abstand. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wird ernsthaft in den Empfehlungen der Bühnengenossenschaft benannt, jedoch erstaunlicherweise in den einzelnen Bundesländern abweichend umgesetzt.

Die fortschreitenden virologischen Forschungserkenntnisse haben ihre Adaption in vielen Lebensbereichen erfahren und dort zu Anpassungen der Maßnahmen und Vorschriften geführt. Die fehlende durchgängige Stringenz ihrer Umsetzung jedoch wirft verwundernde Fragen auf. So wurden Kontaktsportarten erlaubt, und im Tanzsport dürfen feste Tanzpaare Tango oder Walzer tanzen – im klassischen Ballett, im professionellen Bühnentanz hingegen besteht weiterhin Kontaktverbot.

Verkürzte Karriere

Die Eigenunfallkassen und Bühnengenossenschaften geben Empfehlungen, gleichsam amtliche Verlautbarungen, und verweisen auf Grenzwerte, bei denen sie sich auf ta.med (Tanzmedizin Deutschland) berufen. Wer aber evaluiert diese Daten, welche Studien geben die wissenschaftliche Legitimation, und welcher Experte nimmt sich dieses Themas an? Wenig ist bisher geschehen. Verbunden mit einer offensichtlichen Unschärferelation zwischen Legislative und Exekutive obliegt die finale Entscheidung und damit die Haftungsfrage der Intendanz … Und wo bleibt die Freiheit der Kunst?

Die Fatalität dieser Entwicklung für die Tänzer*innen zeigt das einfache Rechenbeispiel, in dem sich ihre ohnehin kurze Tänzerkarriere um die Zeit der Einschränkungen des Trainings, der Proben und Auftritte verkürzt – ein hypothetischer Faktor 3 reduziert im klassischen Bühnentanz die Karrieredauer von 20 auf 17 Jahre und verkürzt wesentlich die Zeit, die den Tanzenden für den Aufbau eines breiten Repertoires verbleibt. Damit einher geht die Isolation von der global agierenden Tanzszene, den Auditions, dem künstlerischen Austausch und den internationalen Gastauftritten.

Auf Fragen der Zeit reagieren

Als Überlebensstrategie hat sich jedes Ballett- und Tanzensemble mit der Herausforderung der Abstandsregeln und des Kontaktverbots auseinandergesetzt und mit coronakonformen Choreografien, mit Dekonstruktion und Adaption bestehender Choreografien unter Zustimmung der Urheber oder ihrer Erben, aber auch mit Neukreationen auf die Fragestellungen der Zeit, zu Distanz und Nähe, zu Angst und Einsamkeit, reagiert. Die Kunst, der Tanz, wird neue Wege des Ausdrucks finden, unser aller Aufgabe ist es, das Tanzerbe zu bewahren und den Künstlern die Plattform ihrer Kunst offen zu halten.

Doch schon während ich diesen Artikel schreibe, werden die Corona-Fallzahlen weiter in die Höhe schnellen, werde ich auf die Aktualitäten reagieren, die Maßnahmen anpassen – und weiß bereits jetzt, dass ich in einigen Wochen mit vielen neuen Erfahrungen eine andere Perspektive haben werde. Die größte Herausforderung aber bleibt: Verantwortung zu übernehmen, mit Geduld und Augenmaß das Vorgegebene zu hinterfragen und das Vertretbare möglich zu machen.


Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.1/2021