Chor mit Anna Sohn (Mitte) und Artyom Wasnetsov (rechts)

Ein nackter Held

Clémence de Grandval: Mazeppa

Theater:Theater Dortmund, Premiere:15.03.2026 (DSE)Regie:Martin G. BergerMusikalische Leitung:Jordan de SouzaKomponist(in):Clémence de Grandval

Die Oper Dortmund und Regisseur Martin G. Berger haben „Mazeppa“ von Clémence de Grandval aus dem Jahr 1892 ausgegraben. Eine brillante, atemlose Grand opéra mit sehr schweren Gesangspartien. Die Aufführung gelingt musikalisch grandios, die intelligente Inszenierung wirft auch Fragen auf.

Eins vorweg: Musikalisch ist „Mazeppa“ von Clémence de Grandval ein wirklicher Wurf, eine Explosion von Melodien, Motiven und Klangfarben ohne jede Atempause. Und dazu fabelhaft interpretiert. Die fünf Dortmunder Ensemblesänger gestalten die teilweise auch körperlich anstrengenden Partien souverän. Die Dortmunder Philharmoniker finden unter ihrem GMD Jordan de Souza den richtigen Fluss, eine strömende Agogik und die klangliche Brillanz, die dieses Stück braucht.

Brillante Atemlosigkeit

Clémence de Grandval, Klavierschülerin Chopins, mit Saint-Saëns befreundet und eine prominente Persönlichkeit im französischen Musikleben, schrieb „Mazeppa“ 1892. Der Form nach ist es eigentlich eine Grand opéra: fünf Akte, ein Ballett, viele spektakuläre Versatzstücke, komische Elemente und eine Dreiecks-Liebesgeschichte – was normalerweise etwa vier Stunden Musik bedeutet. De Grandval schafft dieses Konzept in nicht einmal 150 Minuten, weil sie kleinteilig komponiert, Szenen ineinander montiert und keine langen Einleitungen oder Hinführungen verwendet. Es entsteht ein Eindruck von brillanter Atemlosigkeit.

Die Hauptfigur Mazeppa ist eine bekannte Figur aus der ukrainischen Geschichte, der auch Tschaikowski eine Oper gewidmet hat. Ein historischer Emporkömmling, der mit Zar Peter dem Großen befreundet war und sich von ihm abgewandt hat, um die Ukraine zu schützen. Dieser Mazeppa liegt am Anfang von de Grandvals Oper allein auf der Bühne und wird von Matréna zu ihrem Volk geholt. Ihr Vater Kotchoubey macht Mazeppa zum Heerführer, und er gewinnt eine Schlacht. Iskra, Matrénas Freund, warnt vor ihm. Mazeppa liebt Matréna und wird wiedergeliebt – aber Iskra hat Recht: Mazeppa verrät das Volk, und die Liebenden verlieren sich.

Mazeppa ohne Biografie

Wie kann man diese Story heute auf die Bühne bringen? Was bedeutet sie heute? Martin G. Berger geht von Mazeppa aus, der aus dem Nichts, ohne jede Biografie, vom Volk zum Helden gekürt wird. Das versucht der Regisseur als Parabel zu zeigen. Sarah-Katharina Karl hat ihm dazu eine raumgreifende, schlichte Treppe gebaut, die am Schluss, wenn Mazeppa herrscht, von goldenen Wänden eingerahmt wird. Die Geschehnisse spielen sich in der heutigen Zeit ab, mit ironisch übertriebenen, deswegen teilweise witzigen Kostümen (Alexander Djurkov Hotter), ohne jede Anspielung auf Russland oder die Ukraine.

Aber Berger hat die Erzählung mit einer Meta-Geschichte versehen, die als zweiteiliger Film ausgestrahlt wird – bei der Ouvertüre, einer Art saftiger Gründerzeit-„Star Wars“-Filmmusik, und bei der Ballettmusik im vierten Akt. In der Ouvertüre sehen wir Mazeppa als Superhelden in Dortmund – mit BVB-Stadion und Dortmunder U –, der eine Frau vor einer Teufelsgestalt rettet. Im zweiten Teil erfahren wir, dass das eine Traumfantasie war: Mazeppa möchte sehr gern ein Superheld sein. Deswegen geht er einem Bösewicht in die Falle, der ihn auf die Opernbühne schickt, um Matrénas Volk zu infiltrieren.

Parabel oder Individuum?

Das liest sich so, wie es ist: etwas dünn. Wir wissen nicht, warum das Volk alles so willenlos mitmacht oder wer der „Bösewicht“ sein soll (wenn er nicht doch ein Russe ist). Wir wissen auch nicht, gegen wen Matrénas Volk aus welchem Grund Krieg führt. Müssen wir auch nicht, weil es eine Parabel ist – und weil die Musik es uns leichtmacht. Aber die Meta-Geschichte, die sehr unterhaltsam anzusehen ist, gibt Mazeppa seine Biografie zurück: Er wird wieder ein Individuum und sprengt den Parabelrahmen; er ist nicht nur Held, sondern auch Mensch.

Und Mandla Mndebele singt ihn mit großem Bariton, sehr muskulös und charmant – in Bergers Inszenierung muss er auch verletzlich sein. Aber die sehr gut geführte Stimme bleibt ein Panzer. Wir können nicht in die Figur hineinsehen. Anna Sohn hingegen schafft es als Matréna in der letzten Szene, im Wahnsinn, mit der Stimme nicht nur souverän die Partitur zu erfüllen, sondern auch ins Zuschauerherz zu zielen. Sungho Kim als Iskra, Artyom Wasnetsov als Kotchoubey und Denis Velev als sehr witziger Geistlicher ergänzen auf sehr hohem Niveau.

Diese Ausgrabung ist eine große Leistung der Dortmunder Oper, die dem Stück auf allen Ebenen gerecht wird und es als große Oper des 19. Jahrhunderts zeigt, die heute spielbar ist. Aber ob „Mazeppa“, von einer Frau geschrieben, eine Repertoireoper des 21. Jahrhunderts wird, liegt an Intendant:innen, die sich trauen, dieses – auf vielen Ebenen schwer zu produzierende – Stück zum zweiten oder dritten Mal zu produzieren, und nicht nur als Erstaufführung. Im Moment würde ich sagen: Sie schaffen es nicht.