Anna Lehotská und Jakob Ferdinand Lenk sitzen in einer kleinen, beleuchteten Kiste an der ein Schild mit Aufschrift "Taxi" verkehrt herum hängt.

Nur nicht einschlafen!

Saša Stanišić: Hey, hey, hey Taxi!

Theater:Theater Chemnitz, Premiere:21.02.2026Autor(in) der Vorlage:Rike SchubertyRegie: Rike Schuberty

Das Figurentheater Chemnitz formt aus Saša Stanišićs Gute-Nacht-Geschichten einen wilden Ritt durch kindliche Fantasiewelten.

Eltern kennen das: „Nur noch ein Schluck Wasser …“. „Gibt’s noch ein Betthupferl?“ „Ich muss nur noch mal auf Toilette.“ „Ein bisschen Licht, es ist zu dunkel.“ „Ein Küsschen bitte noch.“ „Es ist so laut draußen.“ Ausreden und Ursachen, nicht einzuschlafen, finden Kinder mit nicht enden wollender Fantasie. Was helfen soll, sagen Pädagogen, sind Rituale. Die Gute-Nacht-Geschichte etwa. Regelmäßiges Vorlesen schafft nicht nur im Heute schnellere Ruhe, sondern macht die Kinder auch im Morgen klüger – gleich zwei Gründe also für die regelmäßige Wiederholung.

Auch Erfolgsautor Saša Stanišić muss mit dem Phänomen der nicht-schlafen-wollenden Kinder vertraut sein, da helfen weder der Deutsche Buchpreis noch der Deutsche Kinderliteraturpreis. Als Schriftsteller aber ist er viel unterwegs: „Ich lese Menschen aus meinen Büchern vor und manchmal unterschreibe ich meine Bücher. Das ist meine Arbeit“, heißt es im Theaterstück „Hey, hey, hey, Taxi!“, das auf dem gleichnamigen Kinderbuch beruht. Stanišić veröffentlichte es 2021 gemeinsam mit Illustratorin Katja Spitzer. Inzwischen gibt es einen zweiten Band. Das Unterwegssein wird zum Hemmnis für regelmäßige Vater-Kind-Rituale. Und da die Fahrten zur Arbeit meist mit dem Taxi beginnen, hat dieses für das daheimbleibende Kind einen gewissen Schrecken: Es ist das Gefährt, das den Vater entführt.

Ein Taxi als Held

Diesen Schrecken nimmt Stanišić dem Taxi, indem er es zum Helden seiner Gute-Nacht-Geschichten macht. Da ist das Taxi mal mit einem Klo ausgestattet. Bequem, aber sinnlos, wenn man nicht muss. Oder das Taxi wird von einem Lieblingslied angetrieben. Es ist mal ein Käsetaxi, gefahren von einer Maus, mal entpuppt es sich als kleiner Riese, auf dessen Schultern man transportiert wird. Vor allem ist das Taxi aber auch immer das Gefährt, das den Vater zurück nach Hause bringt – „zurück zu dir!“, wie beinahe jede Geschichte endet.

Seine kurzen Gute-Nacht-Erzählungen stattet Stanišić mit Fragen an das Kind aus. So wird die monologische Geschichte immersiv, das Kind in den monologischen Text involviert. Fürs Theater eignet sich eine solche Vorgehensweise nur bedingt, weswegen die Geschichten in der Bearbeitung von Rike Schuberty einen dialogischen Rahmen erhalten. Vater und Kind stehen vor einem anstrengenden Umzugstag. An dem will man ausgeruht sein, also: Schlafenszeit. Doch ohne eine Geschichte geht es auch hier nicht. Und die startet mit „Hey, hey, hey, Taxi!“.

Jakob Ferdinand Lenk sitzt auf der Rückbank eines Taxis.

Jakob Ferdinand Lenk auf der Rückbank des Taxis. Foto: Nasser Hashemi

Verspielte Bühne

Das Gefährt ist auf der Bühne des Figurentheaters Chemnitz ein himmelblauer Trabant, wie ein Würfelnetz ins 2D-Format geklappt. Das ergibt eine gar bezaubernde Spielfläche, geschaffen von Ulrike Langenbein: In der Dachluke, kaum einen Quadratmeter groß, drängen sich Vater (Jakob Ferdinand Lenk) und Tochter (Anna Lehotská), um in den Schlaf zu finden. Hier werden die ersten, natürlich viel zu kurzen Geschichten erzählt.

Mit Projektionen und Lichtspielen und einer zunehmenden Zahl von Objekten wird dann schrittweise die Spielfläche erweitert. Zuerst die Längsseite des Autos in Benutzung genommen, später Heckklappe und Motorraum, bis irgendwann die ganze Bühne zum Abenteuerland wird. Aus dem Trabant wird ein Piratenschiff, ein U-Boot oder ein Drache, dem man seine Lieblingszahnbürste geklaut hat, aus einem Rad das kleine Käsetaxi, aus der Bühne das Weltall.

Fantasiereise

Man begegnet dem kleinen Riesen Riesa und dem sehr unverständlichen Odjo, Zwergen und Faltmündern. Oft nur papierene Objekte, die Lenk und Lehotská gekonnt zum Leben erwecken und in den Fokus rücken, ohne ihre eigentlichen Figuren in den Hintergrund zu drängen. Denn anders als im Bilderbuch erhält die Vater-Tochter-Beziehung hier ihre eigene kleine dramaturgische Entwicklung, wird die gemeinsame Taxifahrt ins Übermorgen, an dem keine Lesereise anstehen wird, zum Hoffnungsschimmer für das Eltern-Kind-Paar.

Doch zuvor ist es ein wilder Ritt durch kindliche Fantasiewelten, der hier ja auch die genau gegenteilige Wirkung erzielen soll als die ursprünglichen Gute-Nacht-Geschichten: Bloß nicht einschlafen! Das gelingt dem Stück auf hinreißend bezaubernde Art und Weise. Mit Wortwitz und Wendungen gegen jede Wahrscheinlichkeit zieht es sowohl die anwesenden Kinder als auch deren ältere Begleitpersonen in seinen Bann. Die Freude am Zusehen wird angefeuert von unbändiger Spiellust von Lenk und Lehotská. Erst als die Bühnentochter angesichts der vielen Abenteuer tatsächlich in den Schlaf findet, scheiden sich die Geister: Da hört man aus dem einen oder anderen Erwachsenenmund – und nur aus diesen – doch so manchen erleichterten Seufzer.