Foto: Sebastiano Villa als Siegfried und Melina Solkidou als Odette in Lillian Stillwells „Die Schwäne“ am Theater Münster © Jubal Battisti
Text:Miguel Schneider, am 21. Februar 2026
Mit „Die Schwäne“ setzt Tanzdirektorin Lillian Stillwell am Theater Münster eine „Schwanensee“-Überschreibung an, die den Klassiker aus dem höfischen Mythos in eine bürgerliche Realität kippt. Getragen wird der Abend von Tschaikowskys deutlich gekürzter Partitur und einer Odette, die sich nicht als Projektionsfläche, sondern als handelnde Figur behauptet.
Der Abend setzt gleich ein klares Signal: Odette sitzt nicht im märchenhaften Nebel, sondern in einer Wohnstube, greift zur Schreibmaschine, die Zigarette als beiläufiges Requisit einer Zeit, die nicht „zeitlos“ sein will, sondern lesbar. Die Figur schreibt sich ihre Schwanenfantasie geradezu selbst. Ben Baurs Raum wirkt wie eine Versuchsanordnung, in der sich Intimität und Kontrollmechanik nebeneinander behaupten. Kastenraum, warme Wände, schwarze Baumzeichnungen. Von oben hängen Glühbirnen an langen Kabeln, der „See“ bleibt als Idee auf Abstand.

Odette (hier getanzt von Melina Solkidou) in Lillian Stillwells „Die Schwäne“. Foto: Jubal Battisti
Undine im Wohnzimmer
Dass Stillwell Ingeborg Bachmanns „Undine geht“ in die Bühnenhandlung integriert, ist mehr als literarischer Schmuck. Undine als Figur, die die Machtlogik einer Beziehung freilegt, wird zur Schattenautorin dieser Odette, einer Frau, die liebt, aber den Preis dafür nicht mehr als Naturgesetz akzeptiert. In Münster klingt das als Off-Text und als Haltung. Odette ist nicht „verzaubert“, sondern in Rollenbildern und Versprechen gefangen.
Stark ist dabei, wie Stillwell das Literarische nicht in Erklärtheater kippen lässt, sondern in Rhythmus übersetzt. Der Text wirkt als Impulsgeber, nicht als Illustration. Wenn gesprochen wird, bleibt der Körper nicht stehen, sondern widerspricht über Gewicht, über Richtungswechsel und über kurze Stopps, in denen Nähe plötzlich abbricht.
Vom Corps zur Gruppe
Der eigentliche Eingriff liegt im Kollektiv. „Schwanensee“ ist im Original ein Stück über Synchronität als Machtbild: Linie, Spiegelung, Uniform. Stillwell dreht das und die Schwäne erscheinen als Gruppe, in der das Einzelne sichtbar bleibt. Sie bilden Formationen, verschwinden aber nicht darin. Das wird in kleinen Verschiebungen sichtbar, ein leicht verschobenes Timing, eine bewusst „unreine“ Gleichzeitigkeit und ein Blick, der Richtung gibt. Choreografisch ist das konsequent, weil der berühmte Schwanen-Block nicht abgeschafft, sondern politisiert wird.

Die zehn Tänzer:innen aus dem Tanz Münster-Ensemble. Foto: Jubal Battisti
Zeitgenössisch im Grundton, klassisch als Einschub. Spitze erscheint als Verweis, nicht als Regel. Pirouetten, Hebungen, Sprungbahnen werden immer wieder bodennah: Die Arbeit auf Spitze bricht abrupt ab, die Füße landen flach, Linien knicken in tiefe Pliés. Interessant ist, dass Ironie hier als choreografisches Werkzeug eingesetzt wird. Etwa wenn die Schwäne ihre aufgeregten Laute beisteuern. Das geschieht nicht als Veralberung, sondern als Störung, die den Mythos entromantisiert und die Gruppe als soziale Realität hörbar macht.
Pullunder, Pantomime, Gewalt
Am deutlichsten wird Stillwells Zugriff dort, wo Siegfried nicht mehr als edler Erlöser auftritt, sondern als bürgerliche Figur mit Komfortzone. Mal wird er zum Klischee im Wohnzimmer, der Odette kochen lässt und nebenbei die nächste Affäre organisiert, mal ist er die liebenswerte Person. Ob man diese Realismus-Schärfung liebt oder ihr Didaktik unterstellt, sie verschiebt die Machtachse des Stoffes radikal. Und sie erklärt, warum der Abend auch Gewalt gegen Frauen und Femizid nicht nur als Randnotiz führt, sondern offen zeigt.

Das Tanz Münster-Ensemble in „Die Schwäne“. Foto: Jubal Battisti
Choreografisch sind die ehelichen Szenen die riskantesten. Hier droht das Stück sein eigenes Programm zu „spielen“, statt es über Bewegung zu verdichten. Wenn Gesten zu eindeutig werden, wird die Körpersprache kurz illustrativ. Gleichzeitig entsteht genau hier ein spürbarer Widerspruch. Tschaikowskys Musik, die weiterhin mit großer Geste atmet, trifft auf einen Körper, der diese Geste nicht mehr glauben kann. Das Schwanensee-Motiv taucht früh mehrfach auf, ohne choreografischen Höhepunkt, was wie ein bewusstes Umlenken der Ikone wirkt.
Dass am Theater Münster mehrere Tänzer als Siegfried besetzt sind, lässt sich als kluger Kunstgriff lesen. Nicht der eine Prinz, sondern ein wechselndes, austauschbares Rollenmodell. Siegfried wird zur Funktion, nicht zur Figur. Diese Vielstimmigkeit macht die Beziehungsszenen weniger romantisch, aber analytisch schärfer.

Szenenfoto in „Die Schwäne“ zur Musik von Pjotr I. Tschaikowsky. Foto: Jubal Battisti
Musikalisch hält der Abend sein Niveau. Das Sinfonieorchester Münster unter Henning Ehlert liefert Tschaikowsky als tragfähiges Fundament und die Kürzung der Partitur wirkt wie eine Dramaturgie-Entscheidung zugunsten der Inszenierung. Arianna Hartanov tanzt die Odette hervorragend, nicht nur als Narrativ des Abends, sondern als Leistung für sich. Sie arbeitet die Rolle mit klarer Linienführung und kontrollierter Spannung aus, hält die Balance zwischen klassischer Präzision und dem Moment, in dem die Form wechselt. Gerade wenn aus Höhe ein Sturz wird oder aus Pose ein Abwehrreflex, bekommt ihre Odette die nötige Schärfe, damit die neugedachte Figur ihr Versprechen einhält.
Am Ende bleibt „Die Schwäne“ eine Kanon-Reibung, die sich nicht mit Oberfläche begnügt. Stillwell nimmt das ikonische Material ernst genug, um es gegen den Strich zu lesen. Es ist ein Tanzstück, das in Erinnerung bleibt. Nicht als „Modernisierung“, sondern als Überführung des Klassikers in die Gegenwart. Ohne Beschönigung, mit klarer Kante.