„Fischer Fritz" in Marburg

Sprachschiffbruch

Raphaela Baradutzky: Fischer Fritz

Theater:Hessisches Landestheater Marburg, Premiere:24.01.2026Regie:Angelika Zacek

Fischer Fritz“ von Raphaela Bardutzky ist das Drama eines pflegebedürftigen alten Mannes, seiner osteuropäischen Pflegerin und seines Sohnes, mit dem die Kommunikation grundsätzlich schwer fällt. Dabei zeichnet sich das  Stück durch einen sprachspielerischen Ansatz aus – samt Zungenbrechern. Am Hessischen Landestheater Marburg hat Regisseurin Angelika Zacek dieses „Sprechtheater“ für drei Darsteller:innen bildstark und schwergewichtig inszeniert.

„So schwätze mer net“ gibt Fischer Fritz (Jürgen Wink) seiner 24-Stunden-Pflegerin Uljana (Aliona Marchenko) ob ihrer hochdeutschen Bemühungen Bescheid. Auf die Uraufführungsinszenierung des Schauspiel Leipzig von 2022 folgen bereits neun weitere Inszenierungen sowie eine Hörspielaufnahme. Am Münchner Volkstheater steht in der kommenden Woche die nächste Premiere an.

Der Ursprung des Stücks liegt im Zungenbrecher „Fischers Fritz“ und den Überlegungen der Autorin, wer dieser Fritz eigentlich sei. Dass er ein bayerischer Flussfischer, sein Sohn aber ein Friseur ist, mag fantasievoll-anekdotisch konstruiert sein. Seine besondere Qualität erhält das im Untertitel „Sprechtheater“ genannte Werk jedoch dadurch, dass Bardutzky Zungenbrecherherausforderungen mit der logopädischen Arbeit an Fritz nach einem Schlaganfall kombiniert: „Fischer Fritz fischt nicht mehr.“ Das Ringen mit der Sprache ist zudem mit dem Deutsch-Bemühungen einer angereisten polnischen Pflegerin verbunden. Hinzu kommt die jahrzehntelang praktizierte Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn. So beschreibt das Stück die Dramatik von Aphasie auf spielerische und unterhaltsame Weise.

Marburger Variante

Die Figuren in „Fischer Fritz“ stehen gleichsam neben sich, sie erzählen von ihrer Situation und begeben sich übergangslos in rhythmisierte, kurze Dialoge. Die Marburger Inszenierung hat – in Abstimmung mit der Autorin – den ursprünglich bayerischen Fischer in einen hessischem verwandelt und mit dem erfahrenen Gastschauspieler Jürgen Wink besetzt. Aus der polnischen Piotra wird eine ukrainische Uljana, gespielt von Aliona Marchenko; die ukrainische Sängerin und Schauspielerin gehört seit 2022 zum Ensemble des Theaters und tritt nun erstmals in einer großen Sprechrolle auf, sie zeigt dabei eine beeindruckende Leistung.

„Fischer Fritz" in Marburg

Flamur Blakaj, Jürgen Wink und Aliona Marchenko in „Fischer Fritz“. Foto: Jan Bosch

Und doch erhält das gewitzte Sprachspiel in Marburg eine Schwere, die ihm nicht immer gut tut. Zwar sprachwandelt Flamur Blakaj behende zwischen dem Mooshammer-ähnlichen Friseur-Sohn (Kostüme: Gregor Sturm) und dem mit Uljana flirtenden Minibusfahrer aus der Ukraine. Auch Jürgen Wink steht souverän neben seiner Figur des – am Ende tödlich verunglückenden – alten Fischers, und vermag das Leiden mit den altersbedingten Leiden durch kleine Gesten oder Tonwechsel anzudeuten. Allerdings ist er in seinem Ausdruck durch den – an sich originellen – Raum stark limitiert.

Über-starkes Bild vom Boot

Gregor Sturm hat ins Zentrum der Bühne ein großes, schönes Holzruderboot gestellt. Das lässt sich um die eigene Achse drehen und fungiert bis zum Tode als einziger Ort für Fischer Fritz. Krankenbett, Rollator, Häuschen, ganz am Schluss auch Totenbett…. Das ist ein starkes Bild für das limitierte Leben eines Mannes, der nicht mehr auf den eigenen Beinen stehen kann. Regisseurin Angelika Zacek nutzt das Boot auch für eingestreute Alp-Traum-Szenen des ehemaligen Flussfischers und lädt das raffinierte, dabei aber nicht überambitionierte Stück mit psychologischer Schwere auf, die eine Überfrachtung bedeutet. Vor allen Dingen verliert der auf Timing angewiesene Dialog durch diese szenischen Ausschmückungen, wie auch durch das Boot als dominierendes Bühnenelement, an Fahrt – Zungenbrecher funktionieren nun einmal nur über hohe Geschwindigkeit.

So bleibt die zweistündige Inszenierung (mit einer Pause) am Hessischen Landestheater vor allem durch eindrückliche Bilder in Erinnerung. Und durch einige starke Momente, in denen das Leitmotiv der Sprachlosigkeit aufblitzt: So kultivieren der flussverwurzelte Vater und der großstädtisch orientierte Sohn gemeinsam im Boot sitzend das gegenseitige Missverstehen mit Floskeln über die Nachrichtenlage. Und schließlich berichtet Uljana voll Sorge um pflegerische Versäumnisse dem Sohn vom tödlichen Unfall– woraufhin der nach langem Schweigen vorschlägt, ihr endlich die Haare zu schneiden. Dem Happy Ending mit dem Busfahrer steht daraufhin nichts mehr im Wege: „Reden und zuhören…und ins Gesicht schauen, dabei.“