Foto: „Radical Classical“ von Gauthier Dance Juniors, Choreografie von Marco Goecke. © Jeanette Bak
Text:Manfred Jahnke, am 24. Januar 2026
Am Theaterhaus Stuttgart verbindet Gauthier Dance JUNIORS in „Radical Classical“ moderne Tanzformen mit klassischer Musik und macht diese für ein junges Publikum zugänglich. Dabei brechen die sieben Choreografien Klassiker der Tanzgeschichte und deren Traditionslinien mit extremer Körpersprache auf.
Für Eric Gauthier ist ein gewichtiges Anliegen, junge Menschen für den Tanz zu begeistern. In „Radical Classical“ geht er noch einen Schritt weiter, er versucht junge Leute nicht nur für den Tanz, sondern auch für klassische Musik zu begeistern. In Videos, die zwischen den einzelnen Choreografien eingeblendet werden, führen unter anderem der Pianist Maximilian Schairer oder der Countertenor an der Staatsoper Stuttgart, Yuriy Mynenko, vor, wie Musik begeistern und ein Publikum anstecken kann.
Eric Gauthier hat Jahre lang nach Beispielen der Begegnung zwischen modernen Tanzformen und klassischer Musik gesucht. Dabei stehen Musikkompositionen im Zentrum, die auch im klassischen Ballett von gewichtiger Bedeutung und historischer Geltung sind. Sie verweisen auf Traditionslinien – wie zum Beispiel auf die des Ballets Russes. In den Choreografien von „Radical Classical“ erscheinen diese als Zitat, um gleich wieder gebrochen zu werden – für ein erwachsenes Publikum. „Gauthier Dance JUNIORS“ zielt auf junge Menschen, die diese Traditionen zumeist nicht kennen. Insofern ist es nur folgerichtig, dass neben dem Tanz die Musik im Mittelpunkt steht: Lauter Perlen vom „Bolero“ bis zum ersten Satz der 5. Sinfonie von Beethoven reihen sich aneinander: Gauthier weiß, wie er sein jugendliches Publikum begeistern kann: mit einem Musikangebot, zu der viele junge Menschen keinen Zugang mehr haben. Und mit tänzerischen Bewegungen, die die Möglichkeiten einer extremen Körpersprache ausstellen.
Fließend und fremd
Mit dem exzellenten Ensemble der „JUNIORS“ werden Stücke von sieben Choreograf:innen grandios ertanzt. In „Frühlingsstimmen“ von Johann Strauß in der Choreografie von Andreas Heise, die er 2005 entwickelte, tanzen, Rong Chang, Atticus Dobbie, Giuseppe Ferrara, Giuseppe Iodice und Mathilde Roberge. Nicht walzerselige Bilder bestimmen die Bewegungen. Der frühlingshafte Aufbruch in der Natur wird konterkariert durch marionettenhaft wirkende Körpersprache. Archaisch wird diese in „Prélude a l’aprés-midi d’un faune“ von Claude Debussy. Von Marie Chouinard 1994 entwickelt, sich an der Formensprache Nijinskis reibend, ertanzt sich Carolina Fernandes eine berührende Figur. Ihre Bewegungen sind fließend und zugleich fremd. Wie von einer anderen Welt.

„Radical Classical“ Gauthier Dance Juniors, „Frühlingsstimmen“, Choreografie von Andreas Heise. Foto: Jeanette Bak
So befremdlich wie grandios bewegen sich auf artistisch-groteske Weise Ashton Benn und Giuseppe Iodice zur Musik von Vivaldi in der Choreografie „Lascilo Perdere“ von Aszure Barton (2005 entstanden), der neuen „Artist in Residence“: Durch einen Kuss aneinandergekettet halten sie, trotz aller Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, durch. In „B/olero“ – Isao Tomita hat die Musik von Ravel am Synthesizer neu arrangiert – betont Ohad Naharin die Härte, die dem monotonen Rhythmus der Vorlage zu eigen ist. Naia Dobrota und Ashton Benn führen das grandios vor. Als ein Höhepunkt des Abends gestaltet sich der Auftritt von Rong Chang in „La Morte del Cigno“ („Der sterbende Schwan“). In seiner aus dem Jahre 2009 stammenden Choreografie treibt Mauro de Candia zur Musik von Camille Saint-Saëns („Karneval der Tiere“) dem Stoff alles Süßliche aus: Rong Chang betont in seinen mitreißenden Bewegungen das Existentielle in seiner Figur.
Posthume Widmung
Eine Uraufführung steuert Marco Goecke mit „FURIA (für Gudrun)“ – der 2025 verstorbenen Gudrun Schretzmeier, Bühnenbildnerin und Mitbegründerin des Theaterhauses Stuttgart, gewidmet – bei. Er setzt sich mithilfe barocker Musikvariationen von Marin Marais und Arcangelo Corelli mit der Flüchtigkeit der Zeit auseinander. Mathilde Roberge und Atticus Dobbie erzählen das in einer fiebrig überhitzten Körpersprache.
Zum Abschluss des Abends setzt Eric Gauthier himself sein 2009 entstandenes „Orchestra of Wolves“ zur „Sinfonie Nr. 5 c-Moll op.67“ auf seine leichte Weise in Szene. In diesem Stück geht es um das Machtverhältnis von Dirigent und Orchester. Nur das hier der Dirigent ein Vogel ist und das Orchester aus Wölfen besteht und dem ganzen „Junior“-Ensemble Möglichkeiten zur komischen Ausgestaltung bietet. Ein grandioser Tanztheaterabend mit einem großen, gar nicht juniorhaft wirkenden Ensemble. Mit Standing Ovations am Ende.