Maurice Lenhard steht vor einem hellen Hochhaus, vor einem grünen Rasen und trägt einen langen roten Mantel.

Er weiß, was er will

Seit 2020 ist Maurice Lenhard Dramaturg für Ballett und Musiktheater an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg. Davor hat er Gesang studiert und vor allem Zeitgenössisches gesungen. Das Porträt eines Künstlers, der noch viel vorhat.

Als Maurice Lenhard 2015 sein Abschlusskonzert als Bariton an der HfMDK Frankfurt am Main absolviert, hat er die Aufnahmeprüfung für Musiktheaterregie an der Theaterakademie in Hamburg gerade bestanden. Im Nachhinein, so urteilt er, habe er nie ein besseres, befreiteres Konzert gesungen, wohl schon ahnend, dass seine wahre Passion im Künstlersein nun erst würde starten können.

Vom Sänger zum Regisseur und Dramaturgen – dieser Werdegang wundert nicht, lernt man den sympathisch und sehr eloquent vor sich hin sprudelnden, deutsch-französisch aufgewachsenen Maurice Lenhard besser kennen. Da weiß jemand sehr genau, was er will – und hat es in seinem jungen Leben schon des Öfteren geschafft, sein Umfeld mitzureißen und von den eigenen Plänen zu überzeugen. Dabei bleibt er bescheiden, spricht immer wieder von Dankbarkeit und Zufällen, obwohl meist er es war, der die Fäden in der Hand hielt.

„Das war eigentlich ein Himmelfahrtskommando!“

So wie damals in seinem hessischen Geburtsort Gelnhausen, als er mit 14 Jahren unbedingt eine Oper aufführen wollte, dafür mit Freunden die Stadthalle mietete, Musik und Libretto schrieb, ein kleines Orchester organisierte und seine Mutter Kostüme nähen ließ. „Das war eigentlich ein Himmelfahrtskommando!“, schmunzelt er heute, aber Maurice Lenhard hatte ein gutes Gefühl für Harmonik, und das Ganze wurde ein regionaler Erfolg. Mit Oper hatten seine Eltern nichts am Hut, auch wenn Musik, Singen, Klavierunterricht – den Musikschulplatz „erbte“ er vom älteren Bruder – in der Familie Usus waren. Woher dann die Berührung mit Musiktheater? Ein Onkel schenkte Maurice Lenhard die obligatorische Musikkassette der „Zauberflöte für Kinder erzählt“ – und die prägte ihn nachhaltig. Im ersten Freundebuch der Grundschule musste Pavarotti als Vorbild herhalten, obwohl der Junge kaum Ahnung hatte, wer das eigentlich war. Sänger werden wollte er ab da trotzdem.

Ich begegne Maurice Lenhard zum ersten Mal bei seiner dramaturgischen Premiereneinführung zu „Geschlossene Spiele“ von Demis Volpi, Ende 2021 an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Er betreut Volpis erstes großes Handlungsballett nach dessen coronabedingt geplatzter Startspielzeit, ist mit ihm an den Rhein gekommen als Ballett- und Musiktheaterdramaturg. Lenhard spricht an diesem Abend stilistisch druckreif und rhetorisch mitreißend über den Entstehungsprozess der Produktion, magischen Realismus und die Textvorlage von Julio Cortázar. Ein Dramaturg, der eigentlich auf die Bühne gehört, denke ich, und beginne zu recherchieren…

Leidenschaft für zeitgenössische Musik

Weil der kleinstädtische Musikschulunterricht Maurice Lenhard nicht mehr ausreicht, setzt er sich mit 15 in den Zug nach Frankfurt, singt für ein Jungstudium vor, wird angenommen – und pendelt die folgenden Jahre dreimal pro Woche 40 Minuten mit dem Zug zum Unterricht, bis das „richtige“ Hochschulstudium beginnt.

Bald entdeckt der junge Sänger seine Leidenschaft für zeitgenössische Musik, besucht einen Meisterkurs bei Péter Eötvös in Budapest. „Ich hatte das Gefühl, ich kann mich da anders einbringen als bei Stücken, von denen alle schon eine Version im Einmachglas haben; kann alles rauslassen, auch mal jodeln, quietschen, schreien.“ Während des Kurses bittet Eötvös ihn um seine Kontaktdaten; später werden sie bei dessen Stücken „Angels in America“ (in Breslau) und „Lady Sarashina“ (in Budapest) zusammenarbeiten.

Studium an der Theaterakademie

Wenn man Lenhards Konzerte mit Liedern von Samuel Barber (digital) anhört, erlebt man einen völlig anderen Menschen als den Maurice Lenhard heute, schüchtern fast, und ein weicher Stimmklang, der gerade im Liedbereich Potenzial gehabt hätte. „Aber als Sänger hatte ich lange das Gefühl, du bekommst nicht die Option, dein Künstlertum voll zu entwickeln.“ Im Regiestudium dagegen wollten plötzlich alle seine Meinung wissen. Bald wird Lenhard klar, dass beide Karrieren gleichzeitig nicht funktionieren: Sänger bleiben und Regisseur sein.

Maurice Lenhard in einer Raumecke, an der vier Rohre entlang laufen, stützt sich mit der linken Hand an einer Stange und mit der rechten Hand an der Wand ab und steht auf Zehenspitzen.

Maurice Lenhard beim Fotoshooting mit Tobias Kruse in der Rheinoper in Düsseldorf. Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz

Im Studium an der Theaterakademie hing dann eine Liste mit Regiehospitanzen aus: Ein gewisser Demis Volpi plante Brittens „Death in Venice“ als Koproduktion mit dem Ballett an der Staatsoper Stuttgart, Lenhard bewarb sich und setzte sich gegen seine Mitbewerber durch. So begann nicht nur die Zusammenarbeit mit jenem argentinischen Choreographen, der ihn wenige Jahre später an die Rheinoper holt, sondern auch eine prägende Zeit an der Staatsoper Stuttgart, wohin Lenhard ab 2018/19 für zwei Jahre als Regieassistent und Spielleiter ging. (Da war besagte „Death in Venice“-Inszenierung bereits ein herausragender Erfolg geworden und hatte dem Solisten Matthias Klink den FAUST-Theaterpreis eingebracht.)

Theatrale Körper

In Stuttgart arbeitet Lenhard mit Lotte de Beer zusammen, betreut Wiederaufnahmen von Christoph Marthaler, Jossi Wieler/Sergio Morabito oder Andrea Moses – und erfährt, wie man an diesem Haus auch als Assistent vollwertiger Part des künstlerischen Teams sein darf. Hier lernt er die Regisseurin Lydia Steier kennen, wird ihr Assistent – zunächst zur Kalender- und Mailverwaltung, schließlich als enger Mitarbeiter ihrer Inszenierungen und „regiepraktischer Dramaturg, der mitdenkt“. So betreut er ihre „Zauberflöte“ bei den Salzburger Festspielen (2018) und ist ihr Regieassistent bei Rameaus Ballettoper „Les Indes galantes“ am Grand Théâtre de Genève (2019), wo auch Demis Volpi als Choreograph im Team ist. „Mich interessiert die Ausdruckskraft von Körpern jenseits der Stimme sehr“, meint Lenhard, der theatrale Körper sei immer das Verbindende, das Gespür dafür ist ihm wichtig.

Das merkt man auch seiner eigenen Inszenierung für die Rheinoper an, Rossinis „Il barbiere di Siviglia“, in der die Solisten sich fast tänzerisch geben – mit einer gehörigen Portion ironischer Selbstinszenierung. Solch ein Stück aus dem Kanon zeitgemäß zu interpretieren, ohne es zu dekonstruieren, gelingt Lenhard mit erstaunlicher Leichtigkeit: Die perfekte Hochzeit, Statusgehabe, blinkende Symbolik in Herzlampen … „Bei manchen Stücken muss man länger graben, bis man auf eine Essenz trifft, die heute noch Relevanz hat.“

Nächster Karriereschritt

Die obsessive Selbstinszenierung der Protagonisten der Rossini-Oper erkennt man im heutigen Social-Media-Verhalten des Homo sapiens nur zu gut wieder. Dabei fällt nicht auf, dass die Produktion abstandskonform pandemietauglich sein musste – die große Bühne der Rheinoper lässt es zu. Seit letzter Spielzeit erst ist Maurice Lenhard Dramaturg für Ballett und Oper in Düsseldorf Duisburg. Und es wird kein langes Verweilen bleiben, obwohl er an der Rheinoper immense Möglichkeiten hätte, sich dramaturgisch – in Musiktheater und Tanz – sowie als Regisseur zu entwickeln.

Doch der nächste Karriereschritt ruft: Die designierte Direktorin Lotte de Beer hat ihn an die Volksoper Wien berufen, wo er ab 2022/23 mit ihr starten und ein neues Opernstudio aufbauen wird – an einem der aktuell spannendsten Wiener Musiktheaterhäuser. Derzeit (Anfang Januar) laufen die Vorsingen und Arbeitsproben dafür, und Lenhard ist sich dabei noch mal bewusst geworden, dass es nicht reicht, nur ein paar Arien zu hören, um ein Sängerpotenzial zu erfassen. Die eigene Biographie und sein Anspruch werden ihm dabei nützen: „Es ist doch eine Illusion, die Hochschule zu verlassen und genau zu wissen, wer man ist, welche Partie man singen und wohin man will. Wir müssen Raum haben, zu wachsen! Ich würde mir wünschen, dass man zu seinem Tempo und dem eigenen Weg stehen kann. Dass Kunst Raum sein kann für Fragen und Antworten.“

Neue Orte

Aber ist nicht sein eigenes Tempo etwas schnell? „Ich gehe gern weg und komme an neuen Orten an, das Berufsbild ist so.“ Nach Stuttgart und Düsseldorf nun also Wien – beides Opernhäuser, an denen man gut und gerne fünf bis zehn Jahre hätte bleiben können. Doch manchen Chancen darf man sich wohl nicht verweigern. „Ich möchte daran teilhaben, dass im Musiktheater zukünftig mehr Künstlerinnen und Künstler eigenwillig sein dürfen. Das muss nicht immer schön sein! Wenn jeder eine eigene Meinung hat, wird es meistens nicht leichter. Schade ist nur, wenn wir austauschbar sind.“ Man wird noch an diversen Orten von Maurice Lenhard hören, das ist gewiss.

MAURICE LENHARD war von 2020 bis 2022 Dramaturg für Ballett und Oper an der Rheinoper in Düsseldorf/Duisburg. Geboren 1991 in Gelnhausen (Hessen). 2008 bis 2011 Jungstudium Gesang an der HfMDK Frankfurt am Main, anschließend bis 2015 Regelstudium Gesang. 2015 bis 2019 Studium Musiktheaterregie an der HfMT Hamburg (Theaterakademie). 2018 bis 2020 Regieassistent und Spielleiter Staatsoper Stuttgart. 2020 „Die Geschichte vom Soldaten“ nominiert für den Opus Klassik in der Kategorie „Herausragende künstlerische Leistung während der Pandemie“. Seit 2022/23 ist er Künstlerischer Leiter des neuen Opernstudios der Volksoper Wien.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.3/2022.