Aufführungsfoto von „ADRIFT Eine Dystopie“ von Felix Landerer am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Acht Tänzerinnen und Tänzer mit schwarzen Hosen und weißen Hemden stehen gebeugt in drei Reihen. Links daneben steht ein Tänzer, der den rechten Arm nach oben streckt.

Nüchtern und energetisch

Felix Landerer, Massimo Gerardi: Adrift / Utopia? DIY!

Theater:Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau, Premiere:17.01.2026Regie:Felix Landerer, Massimo Gerardi

In „Adrift“ von Felix Landerer und „Utopia? DIY!“ von Massimo Gerardi steht sich am Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau der kritische Blick auf die Zukunft in einem Spannungsbogen unterschiedlicher Stilistik gegenüber.

Eine gefühlte Dystopie und die Frage nach einer Utopie des Glücks in 90 Minuten inklusive Pause. Die Einstudierung von Felix Landerers „Adrift“ und die neue Kreation „Utopia? DIY!“ von Ballettdirektor Massimo Gerardi ergänzen sich hier. Die stilistisch fest in der Tanzgegenwart verankerten Choreografen sind sich einig mit kritischen Blicken auf die nahe Zukunft. Was und wie driftet etwas auseinander? Gibt es reelle Möglichkeiten zum Glückserleben? Zeitlose Themen sind das und nicht unbedingt durch die weitgehend wortlose Kunst des Tanzes verhandelbar.

Im nicht ganz gefüllten Görlitzer Theater gelingt am Premierenabend durch die unterschiedliche Stilistik der beiden Stücke ein Spannungsbogen mit starker Energie. Das Publikum lässt sich auf den Kontrast ein. Es applaudiert nachdrücklich Landerers wie eine formale Studie wirkender Schöpfung und Gerardis Vision einer artifiziellen Lockerungsübung in hybridem Ambiente.

Weißes Raumerlebnis

Bettina Latscha hat bereits für „Adrift“ den Orchestergraben abgedeckt. Sie setzt mit der bis zur Hinterbühne offenen und deshalb riesigen Tanzfläche ein packend weißes Raumerlebnis. Für Gerardi lässt sie ein absenkbares Quadrat mit Neonleisten über dem als Dekorationselement umtanzten Flügel schweben, drehen und später auf dem Bühnenboden landen. In „Adrift“ differenzieren sich eskapistische Detailepisoden aus den instrumentalen Bewegungen der uniformen Gruppenlinie heraus. Den elektronischen Klangkünsten von Christof Littmann folgt danach eine pianistisch bravouröse Echtzeitleistung: Für Gerardi spielt Jan Satler in pianistischer Bestform zutiefst Virtuoses von Franz Liszt, Alexander Skrjabin und Hannes Dufek. Gerardis Bewegungsfolgen sind mit den rhapsodisch dichten und rhythmisch vagen Stücken lose verbunden.

Die beiden Stücke zeigen diametrale Unterschiede. In „Adrift“ sind die Bewegungen von hoher, fast neoklassischer Strenge. Gerardi dagegen setzt auf stetige Asymmetrien, Fluidität. Vor allem jedoch auf figurative und tänzerische Leichtigkeit ohne erotischen Hintersinn. Während Landerers Ausbruchsversuche zu fast monotoner Ornamentik geraten, entwickelt Gerardi ein ausgenüchtertes Arkadien.

Uniformität

Die Wandlungsfähigkeit der Kompanie des Gerhart-Hauptmann-Theaters ist bemerkenswert zwischen Landerers und Gerardis je ausgeprägt gegenwartsnahen Haltungen. „Adrift“ unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Bremer Uraufführung in der Spielzeit 2021/22: Da agierte die Kompanie mit fließenden unterschiedlichen Kostümen, während Bettina Latscha jetzt dem Ensemble weiß-schwarze Textilien zuteilte. Deren Strenge wirkt natürlich auf Haltung und Fluss der Bewegungen ein.

Der inhaltliche Gestus der Einstudierung durch Landerers Assistenten Anila Mazhari Landry, Luigi Sardone und Alessio Marchini veränderte sich demzufolge vom organischen Fließen zu Uniformität, aus welcher die Tänzerinnen und Tänzer in einzelnen Sequenzen ausbrechen. Der Eindruck des Maschinellen, wenig Zugewandten bei hoher körperlicher Präsenz machte das Thema von „Adrift“ – den freien Fall im von stabilen Bindungen gelösten Denken, Fühlen und Handeln – verständlich. Der weiße Tanzraum wirkt wie ein eisiges Fresko, intensiviert durch flächiges Licht.

Aufführungsfoto von „UTOPIA? DIY! Eine Utopie“ von Massimo Gerardi am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau. Elf Tänzerinnen und Tänzer mit dunkel grauen T-shirts halten sich wie an einer Kette an den Händen. Dahinter sitzt ein Pianist am Flügel.

„Utopia? DIY! Eine Utopie“ von Massimo Gerardi. Foto: Paul Glaser

Sehnsucht nach Harmonie

In „Utopia? DIY!“ erhellt sich der Grund dieser Vereisung. Die größere Besetzung nimmt den souverän auftrumpfenden Pianisten als dekoratives Element. Erst ein, dann mehrere Tänzerinnen und Tänzer agieren in einem sportiven wie flüssigen Gestus. Die Ferne der Glücksvorstellung scheint minimiert. Die Erleichterung, der spielerische und harmonische Umgang wirken ganz nah. Ironisiert wird diese Sehnsucht nach der Harmonie nicht – diese bleibt flüchtig und dabei körperlich äußerst präsent. Die Lichtleiste am Neonpodest und der Rahmen haben das fast groteske Ambiente einer Konzert- und TV-Show, von der sich die fließende und dabei sehr beeindruckende Leichtigkeit des Ensembles absetzt. Am Ende folgt die relativierende Korrektur. Aus Lautsprechern knarzt ein KI-generierter Text über Thomas Morus‘ „Utopia“ und Worthülsen zur Glückseligkeit hochzivilisierter Einwurzelungen der Gegenwart.

Wie eingefroren stehen die Tänzerinnen und Tänzer hinter Pulten starr. Die auch mit manuellem Geschick erarbeitete Tastenfertigkeit des Pianisten ist verstummt. Landerers Orientierungslosigkeit und Gerardis Sturz in die technokratische Ordnung mit menschlicher Funktionsstatisterie ist vollzogen. Zur Beglückung des Publikums agiert die Tanz-Sparte in den nicht gerade froh stimmenden „Vorstellungen“ mit sensibler Individualität und äußerst lebendig. Die Energie der Kompanie macht Freude, selbst wenn die Konzeptanlässe alles andere als optimistisch sind.