Foto: „Napoleon“ von Armin Petras am Saarländischen Staatstheater mit Bürger*innen Chor, Gregor Trakis und John Armin Sander. © Martin Sigmund
Text:Michael Kaminski, am 18. Januar 2026
Armin Petras zielt in der Uraufführung seines Stückes „Napoleon“ am Saarländischen Staatstheater wortmächtig und bisweilen poetisch auf die Ambivalenzen der französischen Galionsfigur – in fünffacher Besetzung.
„Die Deutschen sind Deutsche geworden / Und zwar durch mich!“ – verkündet die Titelfigur. Keine Frage, in der steilen Behauptung, die Armin Petras dem Empereur in den Mund legt, offenbart sich an Größenwahn grenzender Hochmut. Zugleich eine Menge Wahrheit. Denn erst in der Erhebung wider die napoleonische Besatzung erwachte in den Untertanen der vielen Dutzend Staaten auf dem Territorium des zunichte gegangenen Alten Reiches nationales Bewusstsein.
Doch hatte Napoleon nicht allein militärische Tatsachen geschaffen. Die Einführung des Code civil auf dem von ihm besetzten linksrheinischen Gebiet und in den Staaten des Rheinbunds schuf in den Menschen ein künftig unhintergehbares Bewusstsein der Gleichheit vor dem Gesetz und der Emanzipation von religiösen Diktaten. So kam denn der Kaiser der Franzosen zugleich als Besatzer und Modernisierer.
Poetische Widersprüche
Autor und Regisseur Petras zielt wortmächtig, pointiert, dialogstark und bisweilen gar poetisch mitten in diese Widersprüche und Ambivalenzen hinein. Was Napoleon an Errungenschaften der Französischen Revolution und stolzem Selbstbewusstsein der Grande Nation in die deutschen Lande importierte, verhalf ihnen zu einem unerhörten Innovationsschub. Freilich erkauft mit den Hekatomben von Gefallenen, Erfrorenen und Verhungerten der zum Kriegsdienst im Russlandfeldzug aus den deutschen Staaten Zwangsverpflichteten. Maria Tomoiagă projizierte Schwarzweiß-Videos lassen an der Grausamkeit des Sterbens in Schnee und Eis der russischen Winter keinen Zweifel.
Spätestens hier scheitert die vom Empereur verkörperte Mixtur aus Angriffskrieg und Export der beinahe wieder zur absoluten Monarchie umfrisierten Revolution. Für Napoleon bleibt Krieg der Vater aller Dinge. Ein von Anbeginn höchst prekäres Konzept. Petras betont das mit aller Deutlichkeit. Sein Stationenstück vom Aufstieg und Fall der Titelfigur zieht keinen tiefen Schnitt zwischen dem Siegeslauf durch Nordafrika, Süd- und Mitteleuropa und den Katastrophen in Russland, bei der Leipziger Völkerschlacht und Waterloo.
Suggestive Lösungen
Der junge Brigadegeneral wie der spätere Kaiser sind Hasardeure. Militärische Niederlagen drohen nicht nur, sie ereignen sich tatsächlich. Gleichermaßen als Autor wie Regisseur entdeckt Petras so den Keim des Niedergangs schon in des Korsen vermeintlich unaufhaltbarem Siegeslauf. Einen amüsierten Blick wirft Petras auf das Verhältnis seiner Titelfigur zu den Frauen. Kaum, dass sie in der Badewanne zueinander gefunden haben, beenden Napoleon und Josephine jeden Streit und lieben einander unaussprechlich. Hingegen tadelt des Kaisers spätere habsburgisch-österreichische Gemahlin Marie-Louise dessen tänzerische Fähigkeiten. Ganz Wienerin, ist ihr nach Bällen, nicht nach Kriegen.

„Napoleon“ von Armin Petras am Saarländischen Staatstheater mit Bernd Geiling und Anna Jörgens. Foto: Martin Sigmund
Gleichermaßen für das kaiserliche Privatleben wie für die Massenszenen findet Petras zu suggestiven Lösungen. Ob revoltierend oder in Schlacht, Pest und Kälte, die Menge formiert sich zu machtvollen Tableaus. Julian Marbachs Bühne greift das Großformat von Sujet und Stück auf. Theaterarchitektur und Bühnentechnik mutieren zur Festung: Martialisch dräut der nietenbewehrte Eiserne Vorhang zur Hinterbühne. Cinzia Fossati kleidet die Spielenden in Empiremode.
Fünffacher Napoleon
Das Ensemble ist famos. Petras verteilt seine Titelfigur auf vier Männer und eine Frau. Dies ohne unüberbrückbare Brüche. Jugendlich verkörpert John Armin Sander den nach großer Karriere dürstenden Brigadegeneral. Hernach entfalten und weiten Sébastien Jacobi, Wolfgang Michalek, Anna Jörgens und Bernd Geiling des Kaisers Persönlichkeit in welthistorische Dimensionen. Michalek gibt einen bis in die letzte Hirnwindung durchtriebenen Polizeiminister Fouché. Bei Gregor Trakis lauert hinter Talleyrands freundlich-unverbindlicher Maske der Machtpolitiker, der letztlich nur einem dient: sich selbst. Für Joséphine Beauharnais bietet Gaby Pochert jene Souveränität auf, die es im Umgang mit einem Mann wie Napoleon braucht. Im deklamatorischen Unisono bringt sich der Bürger*innen Chor zu Gehör.
Der Uraufführungsort im Großen Haus des vom Saarländischen Staatstheater in Auftrag gegebenen Werkes befindet sich nur wenige Minuten von der französischen Grenze entfernt. Die Theaterfassade präsentiert sich am Uraufführungsabend in die Farben der Trikolore getaucht. Und gewiss fördern Petras‘ Stück und die Uraufführungsproduktion das tiefere Verständnis beider Völker.