links drei Musiker:innen, rechts daneben zwei Darsteller:innen

Reflexionsräume mit Musik

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Theater:Theater Hagen, Premiere:14.01.2026Regie:Anja Schöne

Am Lutz, der Sparte für junges Theater am Theater Hagen, bringt Regisseurin Anja Schöne Jenny Erpenbecks dichten Roman „Heimsuchung“ in einem szenischen Sprechkonzert auf die Bühne. Caroline Keufen und Christian Kaltenhäußer fungieren als Erzähler:innen, die Orientierung in verschiedene Schicksale aus einem knappen Jahrhundert deutscher Geschichte schaffen.

„Heimsuchung“ ist eines der Stücke dieser Saison. Die Redaktion weiß in dieser Spielzeit von allein zehn Inszenierungen von Jenny Erpenbecks Roman (beispielsweise in Göttingen und Bruchsal), schließlich ist er auch bis 2028 offizieller Abiturstoff. Das Werk inszenatorisch zu durchdringen und in den dichten Stoff Orientierung zu bringen, ist keine leichte Aufgabe. Erpenbeck schreibt über ein knappes Jahrhundert deutsche Geschichte von der Weimarer Republik bis nach der Wende und verteilt die Kapitel auf 15 Figuren.

Am Lutz hat sich das Team für ein szenisches Sprech-Konzert entschieden. Allein mit zwei Darsteller:innen, Caroline Keufen und Christian Kaltenhäußer, und drei Musiker:innen der Hagener Philharmoniker, Harfenistin Simone Seiler-Corbett, Klarinettistin Yuria Otaki und Posaunist Daniel Seemann, entsteht auf der Bühne eine Welt über diese auf einem kleinen Fleckchen Erde verknüpften Schicksale.

Assoziative Anker

„Hier bin ich gebor’n und laufe durch die Straßen, kenn die Gesichter, jedes Haus und jeden Laden.“ Alle sind einmal Besitzer:innen oder Besucher:innen dieses einen Hauses am See in Brandenburg, das der eigentliche Protagonist ist. Regisseurin Anja Schöne begegnet dem Stoff nicht mit dem Anspruch auf Vollständigkeit. Sie eröffnet einen Erzählbogen in Erinnerungen an all diese Menschen, schält die dem Buch zugrunde liegenden Themen hervor: Heim(at), heimkehren, Zu(haus)e, Vertreibung. Was oder wer war zuerst?

zwei Darsteller:innen auf einer Bühne

Caroline Keufen, Christian Kaltenhäußer. Foto: Leszek Januszewski

Und das tut sie ziemlich klug. In dem Knäul aus verstrickten Lebenswegen erhalten die Figuren assoziative Anker. Wie im Musikmärchen – beispielsweise bei „Peter und der Wolf“ – bekommen sie eine bestimmte Melodie, eine bestimmte Musik als Erkennungszeichen (Arrangements: Andreas Reukauf). Allem voran der „Schwan“ aus Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“ für den idyllischen See, oder natürlich auch Peter Fox‘ oben zitiertes „Haus am See“.

Kontur und Orientierung

Caroline Keufen und Christian Kaltenhäußer fungieren als Erzähler:innen, sie wechseln nicht die Kostüme, doch dient ihnen die Ausstattung der Bühne (Bühne und Kostüme: Sabine Kreiter) als Erzähl-Baukasten: Badetücher für die jüdische Familie der Tuchfabrikanten, eine Schreibmaschine für die Schriftstellerin. Dazwischen bewegen sie sich flink hin und her, ganz so als wären sie selbst Entdecker:innen dieser Geschichten. Kaum ist ein Schicksal dann auserzählt, wird es eingetütet, kommt gestempelt und bürokratisch wegsortiert in den Karton. Ganz so als wollten sie sagen: Woran und wie wollen wir erinnern?

Keufen und Kaltenhäußer harmonieren als eingespieltes Team, geben den Szenen Kontur. Dass sie zwischendurch auch singen, baut willkommene Pausen in den dichten Inhalt und eröffnet weitere Assoziatonsräume. So etwa mit dem Lied „Kuckuck“ – wer legt sich hier in wessen Nest? Denn Haus und Grundstück fallen immer wieder in verschiedene Hände, gehen beispielsweise durch eine Entjudungsabgabe an den Architekten, werden im Krieg von den Rotarmisten eingenommen und später muss es die unberechtigte Eigenbesitzerin durch das Restitutionsverfahren bei der Wende wieder an die ursprünglichen Erben abgeben.

So stellt Schöne in ihrer 80-minütigen Version von Erpenbecks Roman grundlegende Themen in den Vordergrund, schafft Reflektionsräume. Und das mit einem zweiköpfigen Darsteller:innenteam und drei Musiker:innen auf der Bühne – Chapeau.