Von Dämonen umgeben
Foto: „Super Farm“ von der Künstlerin Saeborg fragt mit knallbunten Gummitieren nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier. © Katrin Schander Text:Björn Hayer, am 1. September 2023
Klassische Bühnenformate finden beim Festival „Theater der Welt“ in Frankfurt (Main) und Offenbach – kuratiert von der Japanerin Chiaki Soma – kaum statt. Die Arrangements führen uns stattdessen in die Tiefen unserer Träume und thematisieren unser krankes Verhältnis zu Tieren.
Die Augenlider werden schwer, die Luft fließt langsam, weich liegt der Kopf und man sinkt hinab, in den Schlaf. Was sieht man? Menschen allein in der Stadt, Bäume in der Nacht, eine Frau auf der Terrasse, die über ihr Leben nachdenkt – austauschbare Bilder, wie wir sie alle kennen. Mit diesen Aufnahmen, gebannt auf eine Leinwand inmitten einer Halle, beginnt die Installation „A Conversation with the Sun“ des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul. Die eigentliche Traumphase fängt im zweiten Teil an, dann hinter einer VR-Brille. Während von unten ein sonnenähnlicher Ball hinaufsteigt, fallen langsam von oben Felsen herab. Es baut sich eine Art Höhlenlandschaft auf, in der später eine archaische Felsenstatue auftrumpfen wird. Und irgendwann scheint man zu schweben. Oder stürzt doch eher der Boden unter uns ein?
Gewiss, mit klassischem Theater hat dieses Arrangement, wie übrigens viele andere Werke von Theater der Welt, nur wenig zu tun. Die 16. Festivalausgabe wurde vom Internationalen Theaterinstitut (ITI) in Frankfurt (Main) und Offenbach in Koproduktion mit dem Künstler*innenhaus Mousonturm, dem Museum Angewandte Kunst, dem Schauspiel Frankfurt sowie dem Amt für Kulturmanagement der Stadt Offenbach ausgerichtet. Statt um Gattungsnivellierung bemüht sich Kuratorin Chiaki Soma wohl eher um die Erneuerung unserer Seelen, insbesondere in tranceähnlichen Ruhemomenten. Lässt sich also heilen, was Corona und der Krieg an Verletzungen hinterließen?

„A Conversation with the Sun (VR)“ des thailändischen Filmemachers Apichatpong Weerasethakul. Foto: Shun Sato
Reich der Nacht
Einfach scheint dieses Unterfangen nicht zu sein, zumal wir, so wiederum die Botschaft der Darbietung „Night March of Hundred Monsters“ von Ho Tzu Nyen, nur behütet in das Reich der Nacht gleiten können, wenn wir zuvor mit unserer Vergangenheit ins Reine gekommen sind. Ansonsten drohen uns die Geister unverarbeiteter Traumata immer wieder einzuholen. Wie sie aussehen, können wir an deren Defilee auf der ersten Projektionsfläche im großen Bockenheimer Depot beobachten. Löwen mit Schlangenschwänzen, ein Mensch, der nur aus Augen besteht, und andere absonderliche Mischwesen ziehen an uns vorüber, bevor sie uns bei der nächsten Station ausführlich erklärt und vorgestellt werden. Ebenso als Zeichentrickfilm stellt man dem Publikum daraufhin eine Schule zur Ausbildung brutaler Spione und ihre bekanntesten Abgänger vor. Mehr und mehr wird deutlich, dass die albtraumartigen Wesen aus Mythen und Mangas in Agenten und generell in Akten der Gewalt weiterleben.
Ein Beispiel führt diese drastische Konstanz besonders eindrücklich vor Augen, mit dem auch die begehbare Installation, übrigens erneut eingeleitet durch schlafende Figuren auf einer Leinwand, abschließt. Es geht um den Tiger. Einst Opfer menschlicher Jagdfantasien, avancierten die Tiere in der Kulturgeschichte bald selbst zu Sinnbildern des Kampfes. Mal ertönen sie als Funkruf beim Angriff auf Pearl Harbor („Tora, Tora, Tora!“, „Tiger, Tiger, Tiger!“), mal prägen sie die Beinamen von Verbrechern gegen die Menschlichkeit wie etwa dem sogenannten „Tiger von Malaya“. Mithilfe von Überblendungen von Bildern der Raubkatze aus Kinderfilmen und der Popkultur über reale historische Begebenheiten und Täter gelingt es dem Künstler, historische und narrative Zusammenhänge herzustellen. Die Monster scheinen nie allein in unseren Köpfen geblieben zu sein, sie waren gemäß der Aussage dieser Komposition immer schon mitten unter uns.
Das Fremde als Protagonist
Das Fremde erweist sich überhaupt als der Protagonist beim diesjährigen Aufführungsreigen des Festivals. Werden wir seiner nicht als Gefahr gewahr, so begegnet es uns mitunter in der Gestalt der zivilisatorisch unterdrückten Tiere. In Hsu Che-Yus Lecture-Performance „The Zoo Hypothesis“, die der Mousonturm nur in englischer Live-Übersetzung darbot, leben sie etwa als verstorbene Wesen wieder auf, zum einen – wie ein zuvor getötetes Laborkaninchen – in präparierter Form, die im Film von einer Hand bewegt wird, zum anderen im vorgelesenen Text, der ein Stück weit die Geschichte der anonymen Opfer rekonstruiert. In der grotesken Show „Super Farm“ von Saeborg sind die animalen Kreaturen zumindest anfangs hingegen noch quietschfidel. So purzeln im Frankfurter Zoogesellschaftshaus mehrere von Darstellerinnen in aufblasbaren Latexkostümen gespielte Schweine aus einer mit Luft gefüllten Muttersau heraus.
Zu beschwingter Musik spielen sie Ball und tanzen mit Besucher:innen. Spätestens als jedoch ein Riesenhund mit Pflastern und Spritzen auf der Haut Plastikteile zu kotzen beginnt, trübt sich die Kindergeburtstagsstimmung empfindlich ein. Gesteigert wird diese Beklemmung mit dem Auftreten der Bäuerin und weiterer „Nutztiere“. Mit grinsendem Gesicht und Punktaugen erinnert sie zunächst an jemanden, der keiner Maus etwas zuleide tun würde. Doch Vorsicht! Nachdem sie unter Gelächter der Jungen und Mädchen eine Kuh melkt und ein Schaf schert (mit abnehmbaren Luftpolstern), muss auch ein Schwein ran. Es wird mit einem Beil geschlachtet, gibt anschließend Teile seines Gerippes preis und bricht unter den Umarmungen der übrigen Tiere zusammen.

„The Zoo Hypothesis“, eine Videoinstallation und Lecture-Performance von Hsu Che-Yu. Foto: Hsu Che-Yu
Feelgood-Idylle
Schade nur, dass man diesen Wendepunkt in der überzeichneten Feelgood-Idylle einer so längst nicht mehr funktionierenden industrialisierten Landwirtschaft nicht hat ausgiebig wirken lassen, sondern allzu rasch in den Modus des Herumtollens zurückgefunden hat. Immerhin, wachsame Beobachter haben den makabren Subtext vernommen. Und dass man das Setting als ironische Karikatur lesen muss, wird gänzlich klar, sobald von einem gigantischen aufgeblasenen Scheißhaufen Plastikwürste ins Publikum geworfen werden. Dort herrscht pure Freude, und man fragt sich nicht nur einen Augenblick lang: Wie verrückt und dekadent ist eigentlich diese Welt geworden?
Traum und Realitätskonfrontation bilden somit die Pole eines Festivals, das ganz der Unruhe unserer Epoche entspringt. Es gewährt uns Momente des Vergessens und der Stille, um uns sogleich wieder krass wachzurütteln. Was man allerdings eher suchen muss, sind Inszenierungen, die voll und ganz auf die Bühne und schauspielerische Verve vertrauen, Stückrealisierungen, die uns mit Gestik und Mimik, mit ingeniösen Regiebildern berühren wollen.
Dafür bietet die Eröffnungspremiere all dies in ultimativer Steigerung. Angelehnt an Euripides’ antikes Drama entwirft Satoko Ichihara in „Die Bakchen. Holstein-Milchkühe“ eine absurde Karikatur unserer übersexualisierten und von männlichen Zeugungsmythen dominierten Gesellschaft. Alles beginnt darin mit einem Kinderwunsch. Supersperma muss her, frisch geliefert aus Dänemark. Statt es sich selbst einzuführen, implementiert es die Protagonistin und Kuhbesamerin in eine ihrer Wiederkäuerinnen. Das Resultat: Im Ikeamäßig eingerichteten Wohnzimmer der durchgeknallten Heldin haust schon bald ein Kentaur mit riesigem Penis. Versorgt man das von einer Frau gespielte Zwitterwesen mit Pornos, spritzt es zuverlässig Spermaladungen über die Bühne, währenddessen ein stets anwesender Frauenchor herrliche Preislieder auf die Muttermilch zum Besten gibt. Na also! Überhaupt spart man in diesem opernhaften Aufriss nicht an Musical- und Boulevard-Einlagen.
Manchmal darf es auch gaga sein
Es geht schrill und bunt zu, kein Tabu bleibt ungebrochen, um die heteronormative Sichtweise auf die Welt mit Funken schlagender, alle Geschlechterstereotypen überwindender Queerness zu durchkreuzen. Zugegeben, weniger wäre in diesem Fall mehr gewesen, da sich die knapp zweieinhalbstündige Aufführung trotz Slapstick und kurzweiligem Klamauk schnell leerläuft.
Aber wann hat man zuletzt schon einmal so etwas Verrücktes gesehen? Manchmal darf ’s auch gaga sein. Erst recht auf einem Festival, das in diesem Jahrgang erneut seinen Mut zu Experimenten unter Beweis gestellt hat. Anders als das Diskurstheater, das sich mit den auffälligsten Moden unserer Zeit auseinandersetzt, hat man in Frankfurt und Offenbach den Akzent vor allem auf das Unbewusste und die Randzonen unserer Gesellschaft, im Speziellen unser spätmodernes, ja, man muss es so sagen: krankes Verhältnis zu den Tieren gelegt. Aber jeder Albtraum hat auch einen Ausgang, oder nicht? Zumindest in den Gefilden des Schlafs liegt noch utopisches Potenzial für eine bessere und schönere Welt. Man muss nur zuerst die Dämonen der alten verscheuchen.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.9/2023.