Im digitalen Spielzimmer
Foto: Die Fassade des Staatstheaters Nürnberg mit der neuen digitalen Spielstätte XRT. © Pedro Malinowksi Text:Anne Fritsch, am 1. September 2023
Das Staatstheater Nürnberg hat eine neue Spielstätte eröffnet: Im Extended Reality Theater (XRT) will man die digitalen Möglichkeiten des analogen Theaters erproben. Das braucht viel Technik, dürfte aber zukunftsweisend fürs deutsche Stadttheater sein.
Wenn man der offenen Treppe aus dem Foyer des Staatstheaters Nürnberg nach oben in den 3. Stock folgt, kommt man an Plakaten vorbei, auf denen Zuschauer:innen mittels bunter Aufkleber Fragen beantworten können: „Werden eines Tages Avatare reale Schauspieler:innen ersetzen können?“ steht da. „Wäre die Welt ohne Emotionen besser? Kann alles, was den Menschen ausmacht, in Maschinen übersetzt werden?“ Und zuletzt: „Denken Sie, Sie werden heute Theater sehen?“ – Die Umfrage ist Begleitprogramm der ersten Inszenierung in der neuen Spielstätte des Nürnberger Schauspiels, des XRT, das für Extended Reality Theater steht. Eine neue digitale Spielstätte im Schauspielhaus, die erste ihrer Art in der deutschen Theaterlandschaft, ausgestattet mit jeder Menge innovativer Technik.
Eine analoge Spielstätte für digitales Theater? Klingt zunächst absurd. Aber darum geht es nicht, erklärt Schauspieldirektor Jan Philipp Gloger. Auf gar keinen Fall will er zurück in die Coronazeit, als jede:r alleine daheim vor dem Bildschirm hing, um als Notlösung via Streams zumindest einen Hauch von Theater zu atmen. Vielmehr geht es ihm darum, neue digitale Möglichkeiten ins Schauspiel zu implementieren. Weil das technisch sehr aufwendig ist, wäre es nicht gerade nachhaltig, bei jeder Produktion wieder bei null anzufangen und alles neu einzurichten.
Lernort für digitale und hybride Theaterformen
Das XRT hält daher alle Möglichkeiten bereit und bietet kommenden Regisseur:innen eine Spielwiese technischer Optionen. Unter der künstlerischen Leitung von Nils Corte und Roman Senkl soll dieses „fest installierte Labor“, wie Gloger sagt, ein Lernort für digitale und hybride Theaterformen werden. Im XRT sollen neu entdeckte Ausdrucksmöglichkeiten weiterentwickelt werden. Live und vor einem real anwesenden Publikum, das liegt Gloger sehr am Herzen. Er sieht im Digitalen eine Erweiterung der künstlerischen Ausdrucksformen – wie einst die Videokunst. Und auch thematisch seien die neuen Technologien nicht mehr wegzudenken aus der Gesellschaft und den Dramaturgiesitzungen im Theater: „Digitalisierung und KI sind einfach die Themen unserer Zeit.
Solche Themen im Theater zu behandeln, ohne die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu haben, fände ich merkwürdig“, so Gloger. „Wir müssen uns auch mit digitalen Erzählweisen beschäftigen.“ Dramaturg Fabian Schmidtlein, der die Eröffnungsproduktion „Mythos P.A.N.“ betreut hat, fügt hinzu: „Wir leben ja längst in einer erweiterten Realität, die Welt ist ein Cyborg geworden, eine Mischung aus digitalen und analogen Elementen.“
Anteasern mit Avatar
Die Eröffnungsproduktion „Mythos P.A.N.“ von Konstantin Küspert, Fabian Schmidtlein und Roman Senkl spielt nach und nach alle Karten beziehungsweise technischen Finessen aus, zeigt, was möglich ist – und was in Zukunft noch verfeinert und auf einzelne Projekte angepasst werden kann. Die Handlung oder Story ist zugegebenermaßen relativ krude: Drei Schauspieler:innen machen sich daran, den verschollenen Theatermacher und Forscher Paul Anton Neurath (eben: P.A.N.) zu rekonstruieren und quasi digital auferstehen zu lassen. Als lebensechten Avatar seiner selbst. Gloger bezeichnet diesen Abend als eine „Kennenlernmöglichkeit der neuen Mittel, ein Anteasern“. Und genau das ist diese besondere Séance dann auch: eine digitale Geisterbeschwörung. Ohne Kerzenlicht und Gläserrücken, dafür mit Gesichtsscan und 3-D-Technologie.

Szene aus der Uraufführung von „Mythos P.A.N.“ im XRT. Foto: Konrad Fersterer
Auch wenn dramaturgisch einige Fragen offenbleiben: Technisch gibt die Produktion wahrlich einen Ausblick auf das, was hier möglich ist. Da gibt es zum Beispiel ein Virtual Production Set-up: eine Kamera, die über ein Tracking-System in einer virtuellen Welt verankert ist. „Wenn ich diese Kamera bewege, filmt sie den virtuellen Raum genauso, wie sie die reale Welt filmen würde“, erklärt Nils Corte. Das virtuelle Bühnenbild, das von einem 3-D-Designer entworfen wurde, ist ein reines Gedankenkonstrukt, das analog nie existiert hat. Mittels Lidar Scanning können Objekte und/oder Schauspieler:innen dreidimensional gescannt und in diesen virtuellen Raum versetzt werden.
In Echtzeit
Da steht in „Mythos P.A.N.“ dann auf einmal die Schauspielerin Llewellyn Reichman mitten im virtuellen Raum, das ist schon ein bisschen spooky. Mittels Facial Tracking lässt sich die Mimik eines Menschen auf einen Avatar übertragen, der dann genauso das Gesicht verzieht und die Lippen bewegt wie die reale Person. Über Motion Capturing können die Bewegungen einer Person im Raum verfolgt und auf einen Avatar übertragen werden – live und in Echtzeit kann dieser dann genauso tanzen wie der Schauspieler, der mit den nötigen Sensoren ausgestattet ist.
Mittels künstlicher Intelligenz können die Zuschauer:innen außerdem Einfluss auf die virtuelle Welt nehmen. Was zum einen den Livemoment betont, zum anderen einen gewissen Schauer erzeugt, wenn auf einmal in einem Bilderrahmen des virtuellen Bühnenbildes ein Gemälde hängt, das die Bilderzeugungs-KI Midjourney zuvor nach Angaben des Publikums erschaffen hat. Wenn die Avatare durch ChatGPT in vermeintlich selbstständige Dialoge mit den Spieler:innen treten, sind wir ziemlich nah an der Idee des Turing-Tests, meint Schmidtlein. Es werde schwierig, festzustellen, ob hier eine Maschine spricht oder ein Mensch: „Die Maschine kann denken, wenn ich es ihr glaube – wie ich auch dem Schauspieler im Theater glauben muss, dass er jetzt Hamlet ist“, so der Dramaturg. Auch da sind wir wieder bei dem Punkt, der Gloger so am Herzen liegt: dem Live-Moment. „Wir wissen selbst nicht genau, was die Technik generiert“, so Gloger. „Das ist an jedem Abend auch für uns eine Überraschung.“
Digitale Pioniere
Ab nächster Spielzeit soll es vier Premieren im neuen XRT geben. Digitale Pioniere wie Cosmea Spelleken, die CyberRäuber und natürlich Nils Corte und Roman Senkl werden den Raum bespielen und die Strukturen von digitalem Theater und Stadttheater hoffentlich zusammenbringen. Die Nachfrage vonseiten der Künstler:innen jedenfalls sei groß, so Corte: „Die sind alle ganz vom Hocker, dass es hier jetzt so einen Raum gibt und solche Formate in den regulären Spielplan aufgenommen werden.“ Wie viel die Ausstattung insgesamt gekostet hat, möchte und kann Gloger nicht konkret sagen. Finanziert wurde das Ganze zum Teil aus umgewidmeten Geldern, die für diese dritte Spielstätte ohnehin zur Verfügung standen. Dazu kamen Sponsorengelder der in Nürnberg ansässigen DATEV und ein Teil aus dem Hausetat für technische Anschaffungen.
Während die Beteiligten ihre digitalen Tricks vorführen, wirken sie ein bisschen wie große Jungs, die ein neues Spielzeug testen. Aber ist nicht gerade das ein Kern von Theater? Das Spielen und Sich-Ausprobieren? Und so könnte es durchaus sein, dass sie im Herbst genau hier anfängt: die Zukunft des Stadttheaters.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.9/2023.