Das Ensemble steht gemeinsam eng bei einander. Trotzdem steht jede Person für sich selbst, wirkt einsam.

Eine Sammlung von Einsamkeiten

Kae Tempest, Sebastian Nübling und Christopher-Fares Köhler: Let Them Eat Chaos

Theater:Deutsches Theater Berlin, Premiere:28.11.2025Regie:Sebastian Nübling

Am Deutschen Theater in Berlin inszeniert Sebastian Nübling das Langgedicht „Let Them Eat Chaos“ von Autor und Rapper Kae Tempest. Darin begegnen sich sieben unbekannte Figuren in den frühen Morgenstunden Londons und teilen ihre Gedanken miteinander.

Von rechts nach links. Von links nach rechts. In Zeitlupe wabern die Figuren über einen rechteckigen Gitterboden. Immer wieder: hin und her, hin und her. Ein grüner Bademantel, glänzende Cowboy-Stiefel, eine Malerhose, ein schwarzer Anzug und der rote Kasack einer Pflegekraft. Noch weiß niemand im Saal des Deutschen Theaters, wer diese Gestalten sind. Noch kennen wir nur das flackernde Licht, das über ihre Gesichter zieht, ihre verschleppten Schritte auf dem Gitterboden.

Nach einer Weile melden sie sich dann plötzlich als Chor zu Wort: „Denk dir ein Vakuum / eine endlose, reglose Schwärze“, einen Taumel der Planeten. Es ist die endlose Weite des Weltalls, von der aus Sebastian Nüblings Bühnenfassung der Langgedichte „Let Them Eat Chaos“ den Anflug auf die Erde nimmt. Und der Ort der Landung ist klar markiert: London, 04:18 Uhr in der Nacht. In einer Straße, in der sieben Menschen in sieben Wohnungen hellwach sind.

Begegnungen um vier

Hellwach und einsam sind sie – bis „[die Wolken sich verfinstern], beginnen zu raufen. / Kriegsspiele, / uralte Gestalten, / sie rempeln und stoßen. Der Himmel ist im Wandel.“ Es ist ein Sturm, der aufzieht und die Figuren mitten in der Nacht auf die Straße treibt – auf das Gitterboden-Podest, auf dem ihre Einsamkeiten unverhofft aufeinanderprallen. So begegnen wir beispielsweise einem von Paycheck zu Paycheck lebenden Bühnenarbeiter, dessen innere Unruhe den Schauspieler Manuel Harder wie ein getriebenes Tier über den Gitterboden scheucht. Die Figur offenbart sich in wirren Gedankensprüngen und kalten Wortfetzen; in der unvermittelten Frage, ob er uns vielleicht ein Gedicht vorlesen könnte, das er betrunken geschrieben hat.

Das Ensemble steht rechts in einer Gruppe. Links geht ein weiterer Spieler davon. Alle bewegen sich auf einem kargen Gitterboden.

Das Ensemble kommt auf dem Gitterboden zusammen. Foto: Thomas Aurin

Die Monologe der einzelnen Figuren setzen sich im Verlauf des Abends zu einer Sammlung von Einsamkeiten zusammen, die zwar kein Ende zu finden scheinen, so doch aber anfangen, einander zu begegnen und sich ineinander zu erkennen. Der Sturm hat sie auf die Straße getrieben und jetzt stehen sie da: eine Krankenpflegerin, die auf dem Heimweg von ihrer Nachtschicht über die historische Selbstvergessenheit Großbritanniens nachdenkt und in eine Hoffnungslosigkeit abrutscht; oder ein Mann, der von Liebeskummer gepeinigt keinen Schlaf findet. Sie alle sind einsam. „Trostlose Apostel nuckeln Bier an der Kreuzung“, heißt es schließlich aus dem Mund des Chores.

Sehnsucht nach mehr

Aber wohin kann uns der nächtliche Sturm jetzt eigentlich führen? Ist der Wind stark genug, um den Mythos des isolierten Individuums auseinander zu pusten? Stark genug, um den Menschen ihre schmerzvolle Verrohung auszutreiben? Kae Tempests lyrisches Material liefert durchaus so etwas wie eine Hoffnung, die inmitten des Chaos‘ an die Liebe glaubt. An ein Ende der Verrohung und einen Anfang des Gemeinsamen.

So steht der Chor um 04:18 Uhr im Regen und verkündet: „Ich schreie die Menschen an, / ich flehe die Menschen an, / wacht auf und liebt mehr.“ Das Verlangen, das sich hier Bahn bricht, bleibt in Nüblings Inszenierung jedoch häufig an den gesprochenen Worten haften. Es löst sich nicht von ihnen, um Monologe in Dialoge wachsen zu lassen und innerhalb eines szenischen Spiels Erlösung zu erfahren. Es bleibt offen, wie ein szenischer Raum hinter dem Sturm aussehen könnte. Aber vielleicht ist das auch keine uneingelöste Absicht dieser Inszenierung, sondern vielmehr Ausdruck einer Sehnsucht, die dieser Abend anstiftet.