
Theater ohne Stimme
Foto: Hasti Molavian © Hilde Van Mas Text:Hasti Molavian, am 28. August 2025
Die iranische Mezzosopranistin und Schauspielerin Hasti Molavian lebt seit 2007 in Deutschland und startet in dieser Saison als Teil des Ensembles am Schauspiel Köln. In einem persönlichen Statement schreibt sie über Theater als einem Ort für Widerspruch, an dem sie zurzeit eine kollektive Sprachlosigkeit empfindet.
„Con la bocca chiusa“ – mit geschlossenem Mund – ist eine Gesangstechnik, die vor allem durch den italienischen Komponisten Luigi Nono („Il canto sospeso“) bekannt wurde. Sie beschreibt das Innenbild meines jetzigen Befindens. Ich möchte laut in die Welt hineinrufen: „ignorante Ignorante!“ (Ernst Jandl) – wacht auf! – doch mein Ruf verhallt in der westlichen Einöde wie ein in den Sand gemaltes Gesicht, das am Meeresufer langsam verschwindet.
Ich frage mich: „Was ist mit meiner Stimme passiert?“ Noch mehr aber frage ich mich: „Was ist unserer gesellschaftlichen Stimme widerfahren?“ – Sie ist doch ein Werkzeug für Heilung, Verbindung und Widerstand – ein Mittel, um Gehör zu finden. Gleichzeitig geht es darum, uns selbst und anderen zuzuhören, den Stimmen von Menschen und anderen Wesen. Denn genauso, wie wir uns durch unsere Stimme ausdrücken, bedeutet auch Zuhören Fürsorge und Aufmerksamkeit für das Gegenüber. Es kann aber auch Gehorsam gegenüber Autoritäten bedeuten. Auch wenn es keine „authentische“, wenn es nur unsere eigene, individuelle Stimme gibt, sollte die Befreiung unserer individuellen und kollektiven Stimmen unser höchstes Ziel sein. Denn was wir in Wahrheit durch unsere Stimme befreien können, ist unsere Beziehung zur Welt.
Vor 18 Jahren habe ich meine Heimatstadt Teheran verlassen und mich auf die Suche nach jener vermeintlich kraftvollen Stimme in Europa gemacht. Der innige Wunsch, Kunst in Form von Oper und Theater zu gestalten, Gesellschaften, Tagespolitik und Welt kritisch zu hinterfragen: Er entstand für mich aus einem „WIR“-Gedanken. Genährt mit großer Hoffnung nach einer Einheit, die im engen Austausch wächst, respektvoll Diskurse führt und im besten Fall voneinander lernt. Ein „WIR“ ohne Grenzen, ohne Trennung zwischen den Akteuren auf/hinter der Bühne und dem Publikum im Auditorium. Ein nie abreißender Dialog.
Doch im Laufe meiner bisherigen künstlerischen Laufbahn als Mezzosopranistin, Schauspielerin und Performerin habe ich zunehmend Erfahrungen gesammelt, bei denen sich aus das „WIR“ in verschiedene unversöhnliche „ICHs“ aufgespalten hat — Individuen, die sich nicht mehr gemeinsam finden wollen. Unterschiedliche Interessen, Sehnsüchte, Welten, Kulturen und Traditionen prallen aufeinander.
Anfangs sah ich darin etwas Positives: Konflikte können fruchtbar sein, wenn das „WIR“ dabei laut bleibt. Ohne Konflikte kein Theater. Theater müssen Orte des Widerspruchs sein oder sie sind überflüssig, das ist mein Glaube. Konflikten darf man nicht aus dem Weg gehen, da diese das Brennholz unserer Theaterhochöfen darstellen. Aber was ist, wenn es nicht mehr um ein gemeinsames „WIR“ geht? Wenn man permanent Konflikte relativieren, vermeiden und ignorieren will? Wenn die Gemeinschaft keine Gemeinschaft mehr sein möchte. Wenn jeder nur noch sich selbst retten will.
Was bleibt dann?!
Die Ernüchterung und im nächsten Schritt die Erschütterung.
Die Ernüchterung über die Mutlosigkeit –
die Mutlosigkeit, sich gesellschaftlichen Themen nicht mehr zu stellen,
die Mutlosigkeit, keine Haltung zu entwickeln und diese zu vertreten,
die Mutlosigkeit, nicht mehr differenziert an Diskursen teilzunehmen,
die Mutlosigkeit, nicht anzuerkennen, dass wir vielleicht keine fertigen Antworten haben – aber gemeinsam nach ihnen suchen müssen.
Wenn dieses „Wir“ sich im kleinen Kosmos des Theaters nicht herstellen lässt, wo sonst?
Wenn wir im Theater und in der Oper kein echtes „Wir“ sein können, warum sollte es in der Welt anders sein?
Sind wir heute nur noch Zuschauer der globalen Geschehnisse mit XXL Eimern voll von Popcorn auf unserem Schoß?
Unaufhörlich dringen Nachrichten aus Palästina und vom israelischen Angriff auf Teheran und seinen Folgen in unsere mobilen Endgeräte und sozialen Medien. Im Sekundentakt bevölkern sie unsere Bildschirme. Meine Hand zittert und jeder zweite Handgriff: ein Blick auf irgendeinen Live-Ticker, weil das Zuhause unerreichbar scheint. – Und was machen wir, wir Theatermenschen? Wir diskutieren hinter vorgehaltener Hand, natürlich kultiviert (nicht wie die da drüben im Nahen oder Mittleren Osten, oder wie auch immer das heißen mag), ob es ein Genozid ist, ob die Angriffe völkerrechtswidrig waren, wer nun die „Drecksarbeit“ (welch eine Wortwahl eines Bundeskanzlers gegenüber einer der ältesten Zivilisationen auf unserer Erde!) machen muss. Und plötzlich entdecken wir mit Entsetzen, dass unsere Popcorneimer leer geworden sind. Das Leid in Gaza, Rafah, Teheran, Isfahan bedrückt und belastet uns zutiefst?! Wir hoffen auf Frieden und Gerechtigkeit und unsere innere Stimme ächtzt: Hoch die Internationale! Doch all das sind nur leere Phrasen. Viel zu spät wird man dann sagen: Eines Tages werden alle immer schon dagegen gewesen sein.
Hasti Molavian in „CALLS OF DUTY/JEANNE D’ARC“ am Volkstheater Wien. Foto: Marcel Urlaub
„Am Anfang war das Wort“ – so beginnt das Johannesevangelium im Neuen Testament. Es bezieht sich auf die Schöpfungsgeschichte, in der Gott durch sein Wort die Welt erschuf. Ich möchte über die Bedeutung von Sprache sprechen. Doch bevor ich auf meiner Laptoptastatur den nächsten Buchstaben tippe, schrillen schon die Handys mit Warnungen vom deutschen Cell-Broadcasting-System auf: Achtung! Achtung! Antiislamismus und Antisemitismus! Sofort schnappen beide Fallen zu. Es ist so ungemein schwer geworden, dazwischen zu navigieren – den richtigen Ton zu treffen, damit sich niemand diskriminiert oder verletzt fühlt. Und Gott helfe, wenn man dabei noch die deutsche Vergangenheit und die damit verbundene Schuldfrage außer Acht lässt. Neue Wordings und absolute No-Gos lassen meinen Geist ins Wanken geraten. Ich möchte sagen: Es ist ein Sturm, der uns unaufhaltsam in eine scheinbar offenere, liberalere und sensibilisierte Zukunft treibt, während hinter uns ein Trümmerhaufen aufragt, der bis zum Himmel reicht. Das, was wir als gesellschaftlichen Fortschritt deklarieren, ist dieser Sturm. Fazit: Die Probleme werden immer komplexer, die Kommunikation immer eindimensionaler – nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kultur. Und wenn wir nicht mehr richtig kommunizieren können, wird es zunehmend schwerer, gesellschaftspolitische Positionen zu beziehen. Das alles erfüllt mich mit großer Sorge.
„Fremd bin ich eingezogen, fremd ziehe ich wieder aus?“ – Mein großer Traum war stets der, den auch Heiner Müller formulierte: „Dass die Oper so ein Gefäß der Utopie sein könnte, mehr als nur das Drama. Was man noch nicht sagen kann, kann man vielleicht schon singen. Heute bin ich da eher skeptisch. Heute würde ich sagen: Wenn alles gesagt ist, werden die Stimmen süß, und dann kommt die Oper.“ Mittlerweile muss man auch das Schauspiel dazu zählen. So haltungslos sich die europäische Gemeinschaft im politischen Tagesgeschäft übt, so haltungslos erscheint bedauerlicherweise auch die gegenwärtige Mutlosigkeit an vielen Theater- und Opernhäusern (ausgenommen einige wenige gallische Theaterdörfer, die man leider nur an einer Hand abzählen kann!). Ein konservativer Rollback diktiert die Spielpläne und programmatischen Ausrichtungen. Gesellschaftspolitische Statements im Gewand der theatralen Kunst zu dem, was jenseits der europäischen Grenzen passiert, gehören der Vergangenheit an; die Courage für künstlerisch anspruchsvolle Experimente schwindet kontinuierlich.
Lenkt man beispielsweise seinen Blick zum musiktheatralen Berg der Erkenntnis – den Bayreuther Festspielen – entdeckt man in diesem Jahr dort eine poppig-bunte „Meistersinger“-Inszenierung, die unbedingt in die Konfektionsgröße einer heiteren Sommer-Revue passen möchte. Doch dafür ist das Stück zu philosophisch und zu politisch, zu laut und zu leise – vor allem aber zu lang. Doch so eine Inszenierung bringt Freude, titelt eine deutsche Zeitung: „Antifaschismus mach Spass.“ Sie fordert niemanden heraus und wird wohl ein Renner werden. Entpolitisierte „Meistersinger“, in denen es um nicht viel geht – zum Glück endlich mal keine kritische Befragung der Deutschtümelei. Richard Wagner wird auch in Ruhe gelassen; summa summarum tut das alles nicht weh.
Und das alles in einer Zeit, wo der Verfassungsschutz vor einer neuen Qualität von rechtsextremer Bedrohung warnt. Wo Reichsbürger, der Dritte Weg, die AfD und andere rechtspopulistische Parteien und rechtsextreme Gruppen an schockierendem Einfluss gewinnen und die Zeichenzahl der Artikel von Zeitungen tagein, tagaus diktieren.
Kürzlich las ich eine Rezension aus einem einschlägigen Opernfachmagazin mit folgenden Worten in der Einleitung: „Wieso muss ein Opernabend so gesellschaftskritisch sein, wo doch das Publikum angesichts der grauenvollen Weltlage kaum noch eine Aktualisierung braucht?‘ Darauf fällt mir nichts mehr ein. Applaus, Applaus will ich schreien, aber das ist ja nicht möglich „con la bocca chiusa“.
Bei all diesen kritischen Aspekten möchte ich eines betonen: Ich liebe das Theater. Es berührt mich zutiefst. Doch berührt es mich längst nicht mehr so, wie es früher der Fall war.
Noch vor zehn Jahren haben wir zu Unrecht auf den Kopf einer mutigen Spreewaldgurke aufgrund ihrer Flüchtlingspolitik geschlagen. Heute sind wir selbst zu „Flüchtlingen der Realität“ geworden. Wir fliehen ins Theater, das wir nur noch als Traumfabrik verstehen und das, komme was wolle, uns gefälligst eine detoxte Fiktion zaubern soll. Alles, nur bitte nicht die Gegenwart. Und dennoch prangen auf den Social-Media-Accounts der Kulturinstitutionen Banner und Slogans, die uns glauben machen wollen, dass es im Kern um gesellschaftspolitisches Theater geht. Ja, ja, das war der Auftritt der guten, alten „Oberfläche“. In letzter Zeit denke ich häufig an einen mir sehr geschätzten Regie-Kollegen aus dem Schauspiel: „Wir können nicht von der Bühne herab predigen, ohne tatsächlich etwas zu verändern.“ Er hat es satt, das pseudo-intellektuelle und gesellschaftskritische Gebaren, das sich die Schauspielhäuser auf die Fahne schreiben. Mittlerweile erwägt er, noch einmal zu studieren oder eine Ausbildung im Bereich Soziale Arbeit zu beginnen.
Ich erinnere mich an eine der ersten Geschichten, die ich als kleines Kind von meinen Eltern erzählt bekommen habe. Es ist die Erzählung von Simurgh, einem vogelhaften Fabelwesen, der auf dem Berg „Qaf“ wohnt. In der persischen Erzählung „Die Konferenz der Vögel“ von Fariduddin Attar begibt sich das Volk der Vögel auf eine Reise, um ihren neuen König, den Simurgh, zu finden. Der Weg auf den Berg „Qaf“ ist beschwerlich, die Abenteuer dorthin zu gelangen sind äußerst gefährlich, so dass etliche Vögel aufgeben und zurückkehren müssen. Am Ende schaffen es genau 30 Vögel den Berg zu erklimmen. Hoch oben, in großer Erwartung, sehen sie im gleißenden Sonnenlicht keinen König, keinen Zaubervogel, sondern nur eine Spiegelung. In dieser erkennen sich sie selbst: 30 Vögel, die der gesuchte König selbst sind. Der persische Name des Königs, Simurgh (سيمرغ, Sīmurġ), bedeutet, getrennt geschrieben, si murgh (سى مرغ, sī murġ), „dreißig Vögel“.