Doch zuerst bekommt A. die Diagnose: Alles ist in bester Ordnung – bis eben auf den Krebs. Drei Ärztinnen – David Attenberger, Ivy Monteiro und Ruth Schwegler übernehmen fast immer im Trio alle chorartigen Nebenrollen – umschwirren sie, decken sie mit Pillen und Tipps ein. Interesse an der Person, daran, wie es ihr geht? Sie interessieren die Zellen, die Mitose/Mitosis, die Zellkernteilung, bei welcher offenbar die ersten Krebszellen entstehen. Auch darüber kann Butler einen Song schreiben – ob dieser Punkt aber so wichtig ist, dass er dem Projekt den Titel geben muss?
Oper mit Mitteln des Pops
Doch A. vertraut dann doch lieber dem kopfnickenden Verständnis der Therapeutin (Brandy Butler). Sie schlägt bald alternative Behandlung vor mit Mitteln, die gemeinhin als bewusstseinsverändernde Drogen bekannt sind: LSD, MDMA, DCB, Ayahuasca etc., wie sie ein weiterer Song aufzählt. Dramaturgisch und musikalisch stimmt die Bezeichnung Oper für diesen ersten Teil, wenn auch mit Mitteln des Pop: Da gibt es Rezitative und Arien, auf welche die Szenen hinzielen und die ihren Höhepunkt bilden. Die Musik kommt in der Gessnerallee jedoch vorproduziert aus den Lautsprechern – gut, dass Effekte und echte Streicher und Bläser eingesetzt werden konnten, die das Aufführungsbudget sicher gesprengt hätten, weniger gut für den Live-Effekt.

Im Krankenzimmer bei „Mitosis – An LSD Opera“. Foto: Philip Frowein
Das naturalistische Setting der Ausstattung von Bettina Kirmair und Paula Henrike Herrmann gibt dem Ganzen auch etwas Parodistisches, das durch die oft leicht überspannte Personenführung, die Videobebilderung links und rechts (Juan Ferrari) sowie die kommentierenden und die Musik-Stile einordnenden Übertitel noch betont wird. Dann beginnt, in einer Art Yoga-Kurs-Situation die LSD-Therapie und die Aufführung ändert ihren Charakter. Der Text verschwindet, statt Songs gibt es eine Geräuschkulisse, die Videos werden seltsamer geschnitten und kippen langsam ins Psychedelische. Die Tragikomödie verliert sich ganz, an ihre Stelle tritt langsames Körper- und Tanztheater: Die Umsetzung des Trips. Er führt durch Verwunderung und Angst in manisches Lachen und schließlich eine verklärte Entspannung.
Höhepunkt Schlussarie
Mindestens für A. ist der propagierte War on the War on Drugs erfolgreich, für die Zuschauer eher lang. Doch er führt zum Höhepunkt des Abends, die Schlussarie: „Everthing in ease, everthing is love“. Bläserchoral und Trauermarsch vereint mit dem Chor und darüber die großartig freie Leadsängerin Goodchild. Sie singt hier über einen gelassenen Tod. Der rückte im zweiten Teil aber aus dem Blick wie die Krebsdiagnose und wie die Umsetzung des Trips harmlos (verharmlosend?) gerät – der Tod und LSD und sowieso: Alles easy, oder? Tröstlich, schön – aber vielleicht doch etwas einfach.
