Fehlender Ernst
Den 400 Seiten starken Roman wandelt Regisseur Dušan David Pařízek am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in eine dreistündige Inszenierung. Großartige, eindringliche Bilder stehen neben Szenen, die unmotiviert in Slapstick abrutschen. Dass die in ausgestopften Muskeljacken steckenden Handlanger des Mafia-Bosses der Lächerlichkeit preisgegeben werden, ist nachvollziehbar und hat einen hohen Unterhaltungswert. Doch werden eben auch Themen in einer Grundsätzlichkeit verhandelt, die keinen Entertainment-Faktor als Subtext bräuchten. Zum Beispiel die Leugnung, dass es jemals Gulags in der Sowjetunion gab, oder Aussagen wie „In Moskau kannst du jemanden auf offener Straße umbringen, wenn du danach ins richtige Auto steigst.“
An Michails Beispiel wird die Verführ- und Korrumpierbarkeit eines Mannes exemplarisch nachvollziehbar vorgeführt. Zwar treibt ihn auch die Angst um, doch letztlich entscheidet er sich selbst für die Unterwerfung unter gut organisierte Machtstrukturen – und findet es gar nicht so unangenehm, dass andere sein Leben lenken. Für den Chef der verbrecherischen Organisation stand zweifellos Putin Pate – Buch und Theaterabend bekommen eine geradezu gruselige Aktualität.
Die Ästhetik zwischen Purismus und Comic ergibt eine publikumswirksame Mischung, die durch die Live-Musik aus Folk-, Techno- und Popsound unterstützt wird. Der belarussische Autor Viktor Martinowitsch (Jahrgang 1977) lebt nach wie vor in Minsk. Doch weder werden seine Theaterstücke aufgeführt, noch seine Bücher verlegt. Menschen aus seiner unmittelbaren Umgebung verschwinden oder verlieren ihren Job. Und im Angriffskrieg gegen die Ukraine spielt Weißrussland eine mehr als zweifelhafte Rolle. Vom Rückgrat des Autors hätte sich der Regisseur gern deutlicher inspirieren lassen dürfen.
