Psychologisches Theater in Perfektion
Stephens erzählt seine Geschichten in drei Abteilungen. Am Anfang steht der Monolog der sterbenden Christine. In der Inszenierung von Elmar Goerden liegt sie zunächst am Boden vor einem großen dekorativen Bord mit weißen Glasflaschen und Karaffen, darin oben links das spiegelverkehrte Logo von Coop (Bühnenbild: Silvia Merlo & Ulf Stengl). Verschieden große Bälle (zumeist in Weiß- und Grautönen) rollen herum. Nach ihrem Monolog, der zumeist nah an der Rampe in Lichtkreisen, die sie suchen muss, stattfindet, setzt sie sich an den Rand der Bühne, wie auch die anderen Spieler, und beobachtet die zweite Abteilung, die an verschiedenen Orten unmittelbar nach dem Tod von Christine stattfinden. Dabei vermischen sich im Verlaufe der Szene die verschiedenen Ebenen: zunächst die zwischen dem Vater mit seinen zwei Liebesgespielinnen und Jess mit ihrem Lover Michael, sowie zwischen Steven und Andy. Während deren Dialoge immer mehr ineinander geschnitten werden, bleibt die Geschichte von Ashe herausgehoben für sich, zumal Christine in die Szene hineinregiert.
Das Bord mit den Flaschen verschwindet schließlich. Stattdessen markieren die Bälle unterschiedlichen Spielorte. Regen fällt und gegen Ende hin werden die Smartphones mit der Todesnachricht abgehört. Dann wird ein VW-Golf auf die Bühne geschoben, in dem Bernard die Nacht verbringt. Im abschließenden dritten Teil wird der abstrakte Raum konkret: Vor der Beerdigung treffen sich alle in der Wohnung. Nervöse Hektik beherrscht diesen Teil, fast gehen die Gesten der Trauer unter: Es ist zwar eine Solidarität unter den Geschwistern zu spüren, aber wirkliche Empathie findet nicht statt. Jede und Jeder hat mit ihren oder seinen eigenen Schwierigkeiten zu tun, dreht sich nur um sich selbst.
Elmar Goerden kann an diesem Abend seine Stärken voll verwirklichen: feine Psychogramme der Figuren, dazu ein szenisches Bildmaterial, die diese Intentionen unterstützt. Und er lässt sich Zeit – mehr als drei Stunden braucht er für seine filigranen Charakteranalysen. Das ist mit einem tollen Ensemble perfekt gemacht. Das Premierenpublikum belohnte es mit einem langen Beifallssturm, bei dem sich auch der Autor verbeugte. Ja, dieses psychologische Theater ist perfekt. Seltsam nur, dass mir beim Zuschauen immer mehr die „Rauschgiftbude“ in den Sinn kam, wie Brecht in einer seiner Schriften das bürgerliche Theater begrifflich zu fassen versuchte.
