Zwillinge und verdoppelte Ichs sind ein Leitmotiv bei Poe und Frey; dies spiegelt sich auch in der Mehrsprachigkeit, wenn nicht nur das englische Original immer wieder zu hören ist, sondern auch Annamária Lángs ungarische Muttersprache, dieses fremde und besonders melancholisch anmutende Idiom. Wie sie mit Markus Scheumann Gefühle und Sprache teilt und tauscht, ist einer der zahlreichen Höhepunkte einer Inszenierung, die großes Schauspiel mit überragender Komposition – in Musik, Kleidung (Esther Geremus) Dramaturgie (Andreas Karlaganis, aber natürlich auch die Gesamtregie) oder Lichtstimmungen (Rainer Küng) – verbindet.
Das Haus Usher findet so in einer weitgehend unveränderten Industriekathedrale mit fast mediterraner Architektur und mythisch wirkender Maschine den idealen Ort. Eine wichtige Veränderung erfährt sie noch durch die jeweils halb vernagelten Fenster, durch die zunehmend helles Licht von außen nach innen dringt. (Ob der Raum in den Wiener Fassungen des koproduzierenden Burgtheaters ähnlich organisch mitspielen kann, erscheint mir fraglich.) Überhaupt ist dieses streng durchkomponierte Spiel doch keineswegs nur eine Verführung zur Depression. Besonders Michael Maertens ringt dem Blick in menschliche Ängste und grausame Phantasien auch leichtere Momente ab, wenn er etwa das Lob des analytischen Verstands zu Beginn der „Affäre in der Rue Morgue“ zitiert und dabei von einem grotesken Damenchor mit Gehhilfe begleitet wird.
Am Ende erscheint, so hören wir, im Sturm die für tot gehaltene Zwillingsschwester Ushers und holt ihren Bruder mit in den Tod, während Jan Bülow als verrückter Cousin der Berenice Timber Timbres „Run from me, darling“ mit weißer E-Gitarre performt. Das Haus, so erfahren wir vom fliehenden Freund, stürzt schließlich ein. Und auf der Bühne halten acht Männer des zuvor immer wieder leise zu vernehmenden Ruhrkohle-Chors Einzug, als sanfte Doppelgänger der insgesamt acht Bühnenakteure, die sich nun furchtsam vor dem Publikum zusammengedrängt halten. Die finalen Töne eines zögernden chorischen Liebeslieds sind verglichen mit den dissonanten ersten Akkorden dann vielleicht doch ein kleines Hoffnungszeichen – obwohl die inhaltlichen Fakten ja schwer gegen Optimismus sprechen.
Zur Ironie der grandiosen Uraufführung mag gehören, dass der Ministerpräsident des Landes und Kanzlerkandidat Armin Laschet im Publikum weilte. Letztlich malen Frey und Team ein differenziertes Bild des Grauens. Sie veranstalten keine Gruselshow, sondern beleuchten menschliche Abgründe, intensiv, aber mit einer gewissen, vielleicht „gesunden“ künstlerischen Distanz. Sie verweisen auf die Risse menschlicher Existenz, wie sie derzeit besonders klar zum Vorschein kommen. Vielleicht hat der Dissonanzen bislang eher abgeneigte Landesvater ja dieses Menschenbild zur Kenntnis genommen.
