Wenn es um die Moderne geht, darf William Forsythe nicht fehlen. Maurice Causey studiert mit Barbara Melo Freire und Theophilus Veselý den zweiten Teil von „Herman Schmerman Duet“ (1992) ein, ein so klarer wie irritierender und scheinhafter Pas de Deux. Sie tanzt auf Spitzenschuhen, ganz, wie man sich eine Ballerina vorstellt. Aber dieses Bild wird gleich wieder gebrochen, weil er nicht auf ihr Angebot eingeht. Gleichsam beiläufig entwickelt sich ein ganz anderes, spannendes Bewegungsvokabular mit humoresken Zügen. Auch Marco Goecke, seit Anfang 2019 „Artist in Residence“ bei Gauthier Dance, gehört zweifelsohne zu den gewichtigen Vertretern des modernen Tanzes. Mit Theophilus Veselý haben Nicole Kohlmann und Fabio Palombo das Solo „Äffi“ (2005) einstudiert. Zu der Musik von Johnny Cash entwickelt Veselý ein rasantes Tempo, voller schneller Bewegungen. Atemberaubend, wie er fast 14 Minuten allein auf der Bühne im Tanz die Schwere überwindet!
Das nächste Stück, „Orchestra of Wolves“ (2009), gehört zu den beliebten Miniaturen von Eric Gauthier. Zu dem ersten Satz der 3. Sinfonie von Beethoven leitet ein Dirigent ein sechsköpfiges Orchester, das in Wolfsmasken agiert, Während des Spiels rücken die Musiker ihrem Chef immer mehr auf die Pelle, bis am Ende von diesem nichts als ein Haufen gelber Federn übrigbleibt. Wenn die Nummer auch pointenhaft aufgelöst wird, so gelingt es dem Choreografen doch auch, die Bedrohlichkeit der Situation durch aggressive Bewegungsformen zu zeigen. Eigentlich bleibt einem das Lachen geradewegs im Halse stecken.
Schluss- und Höhepunkt des Abends ist „Decadance“ des israelischen Choreographen Ohad Naharin, der alle 18 Mitglieder des Ensembles einsetzt. „Decadance“, 2000 entstanden, wird von Naharin nicht rekonstruiert, sondern er entwickelt zusammen mit der jeweiligen Gruppe in einem improvisatorisch strukturierten Workshop neue Variationen. Wie der Raum hier von der großen Gruppe genutzt wird, die Tänzerinnen und Tänzer sich in immer neuen überraschenden Volten abwechseln – das ist wirklich vom Feinsten! Zu einer Collage, die mühelos arabische Musik mit der der Beach Boys verbindet, ist das Ensemble ständig in Bewegung, alles wirkt ständig im Fluss, bis sich ein Gruppenbild formt. Gauthier hat ein beeindruckendes Ensemble starker Persönlichkeiten zusammengestellt, geprägt von starker physischer Präsenz und emotionaler Intelligenz. Und mit einem atemberaubenden Repertoire an Bewegungsformen ausgestattet: von der Arbeit mit den Händen bis hin zu den kraftvollen, aber immer leicht wirkenden Sprüngen. Kein Wunder, dass das Stuttgarter Publikum das Ensemble begeistert mit Standing Ovations feierte. Wenn der Abend im eigentlichen Wortsinne nicht als Premiere begriffen werden kann, so zeigt er, wie offen die Gruppe für andere Choreografen und für andere Stile ist, wie sie sich ständig weiterentwickelt: Da entsteht etwas ganz Neues – und das ist dann vielleicht doch eine Premiere. In jedem Fall ein beeindruckender Abend!
