Wenn dieser kunterbunte „Mashup“ – so die Genrebezeichnung – zunächst entertainmenthaft vor sich hin plempert, der Zuschauer quasi von so viel Klimbim eingelullt, besser: zugemüllt wird, dann deckt hier Flocken eine wesentliche Strategie des Populismus auf. Diese wird gegen Ende der Aufführung durchschaubar gemacht, wenn die zehn Gebote des Populismus in einer Powerpoint-Präsentation vorgeführt werden, Regeln wie: Wir sind Wir, die Anderen sind die Feinde. Beeindruckend beängstigend wird dieses simplifizierende Denken vorgeführt. Hier wird die ganze humane Brutalität eines „Germans first“ auf der Szene emotional spürbar. Besonders anschaulich und auf einen absurden Gipfel gebracht wird dies, wenn Formen der Tierfabel genutzt werden, wie de flammende Rede eines einheimischen Eichhörnchens gegen die grauen Zuwanderer.
Zum Ende der Aufführung hin zerbröseln die Showelemente immer mehr , um das Wesen und die Konsequenzen des Populismus zu veranschaulichen. Und zum Schluss setzt Flocken noch einen drauf: Da tritt Gerd Ritter auf, der sich als 51Jähriger selbst als Angehöriger der alten Generation geoutet hat, hetzt auf eben diese, fordert auf zur Revolution gegen Eltern und Lehrer, die nichts gegen die Zerstörung der Welt getan haben und tun. Was hier Gerd Ritter und Sascha Flocken entwickeln, ist ein rhetorisches Meisterwerk populistischen Denkens. Da wird ein realer Tatbestand benannt und daraus eine gewaltbereite Strategie entwickelt, scheinbar aus ganz einfachen Tatsachen. Diese Rhetorik des Populismus lässt einem das Blut in den Adern gefrieren, zumal die CDU in Baden-Württemberg gerade ein Papier zur Schulpolitik verfasst hat, das kontinuierlich an die pädagogischeTradition des Kaiserreichs anzuknüpfen versucht.
Nein, „Scream“ (ach ja, die Nacherzählung des Horrorfilms von 1996 wird unter dem Begriff „Angst“ thematisch) stellt viele Fragen, hat keine Antworten, führt aber die Konsequenzen populistischer Rhetorik drastisch vor. Nach etwas overcoolem Beginn entwickelt diese Revue einen starken emotionalen Sog. Was u.a. an der starken Leistung der SchauspielerInnen liegt, aber auch an der klugen Strukturierung der Regie, der Bühnengestaltung und den Videos von Jens Dreske und den Sounds von Jonas Bolle.
