Attribute, die ebenso für „Metric Dozen“ gelten. Bereits vergangenen September war das mit dem Komponisten Lorenzo Bianchi Hoesch 2014 für das Ballet National de Marseille kreierte Stück in Originalbesetzung in München zu erleben. Nun setzte der viel beachtete Choreograph es ans Ende seines „Portrait Richard Siegal“-Abends, der am 18. April die Ballettfestwoche des Bayerischen Staatsballetts eröffnete. Die Stimmung im Saal ist außergewöhnlich launig. Dann wird es plötzlich schlagartig dunkel. Jemand tuschelt: „Jetzt hat’s die Sicherung rausgehauen“. Doch die Irritation ist nur der Startschuss zu einer extrem physischen, darstellerisch extrovertierten und rhythmusbasierten Show.
25 ins Auge springende Minuten, in denen der Amerikaner in Formationsstrudeln den Mechanismen von Laufsteg und menschlicher Kommunikation nachspürt. Dabei lässt er die zehn von Alexandra Bertaut in lacklederne Sweatshirts gekleideten Darsteller oft rückwärts durch den Raum rauschen, bevor diese ihre nackten Beine durch die Luft schleudern, die Arme heftig wie Scheren auf- und zuklappen oder butterweich von einer in sich verdrehten Pose in eine andere flutschen. Das gefällt! Als Gäste mit auf der Piste: Katharina Christl und Diego Tortelli, die für die Einstudierung verantwortlich zeichneten, sowie – supergeschmeidig – Kévin Quinaou und Siegals dunkelhäutiger Riese Corey Scott-Gilbert. Stellvertretend unter den Münchnern sei Jonah Cook erwähnt, dem Siegal in seiner zentralen Uraufführung „In A Landscape“ einen fast ausnahmeartig human-einfühlsamen Part zuwies.
Für den geradezu meditativ über die Bühne fließenden Halbstünder greift Siegal mehr als sonst zum Schrittrepertoire des klassischen Balletts. Natürlich nicht, ohne diesen zu verfremden. Dennoch kann man hier dem Fluss der Bewegungen besser folgen. Beispielsweise, wenn Ekaterina Petina sich rückwärtsgewandt, ein Bein nach vorne gestreckt, ihrem Partner den Nacken voran entgegenschlängelt. Eine reizvolle Tanzvokabelfindung, zu der die schillernde Haut von Reptilien als Inspirationsquelle für die Kostüme (Alexandra Bertaut) passt. Den Bogen zum Anfang spannt Grcics Ausstattung. Sie besteht (neben wenigen schwarzen Versatzelementen, einer fliegenden Lichtdrohne und einer hängenden Lichtschiene) aus zwei verschiebbaren Wänden. In den wechselnden Raumsituationen agieren die Tänzer wie präzise aufeinander eingespielte Rädchen eines stetig surrenden Choreographie-Uhrwerks. Musikalisch verbindet sich Ryuichi Sakamotis Klaviermusik mit Elektro-Klängen wiederum von Carsten Nikolai zu einer fast lyrischen Klangwolke, die selbst abrupte solistische Momente oder flinkes Gruppenauftreten irgendwie zu entschleunigen scheint. Ein Effekt, den die meist breiig-graue Beleuchtung noch unterstreicht. Insgesamt reißt das intensive Zusammenwirken von tänzerischer Energie, musikalischem Impuls und visueller Atmosphäre den Betrachter in allen drei Arbeiten mit.
