Wenn Euripides mit Dionysos den Einbruch des Irrationalismus in die Rationalität der Macht vorführt, so vermischen sich bei von Düffel solche Zuordnungen: die „Rationalität“ der Macht wird selbst problematisch und der Einzug des Gottes schillert zwischen Revolte, Revolution und Rache. Trotz aller Psychologie, die der Bearbeiter seinen Figuren gibt, bleibt die Inszenierung von Studnitz geheimnisvoll schwebend. Sie arbeitet mit einer sehr archaischen Bildersprache, mit fast opernhaften Arrangements, mit einer raffinierten Lichtregie, in der die dunklen und blauen Töne dominieren. Wenige, dafür genau gesetzte Videoeinspielungen ergänzen diese flirrende Stimmung, die auch durch die Musik verstärkt wird. Robert Ellidge‘ „Sea Song“ wird leitmotivisch eingesetzt. Die Bakchen selbst werden von der Ballettcompagnie des Theaters Ulm wild und tobend umgesetzt (Choreographie: Yuka Kawazu).
Andreas von Studnitz ist eine dichte, atmosphärische Inszenierung gelungen, die mit wenigen Zeichen auskommt, die dafür um so mehr wirken. Das zeigt der Schluss, wenn Agaue im Wahn, er sei ein Löwe, ihren Sohn Pentheus zerreißt. Sie hält seinen abgetrennten Kopf in Händen, als Dionysos sie aus ihrem Wahn befreit. „Welches Leid kann jetzt noch kommen?“ fragt sie ihren Vater Kadmos. Er antwortet: „Die Dauer Kind/Die Dauer.“ Da ist Dionysos schon entschwunden, der in diesem Spiel seine furchtbaren Seiten zeigt. Dionysos wird von einer Frau gespielt, Sidonie von Krosigk, die schmal und jung alle Zwitterhaftigkeit des Göttlichen ausspielt.
