Auch biografisch und welthistorisch umkreist die Choreografin Leben und Denken des Hieronymus B. In Schlagzeilen erfährt man, dass zwei Jahre vor seiner Geburt Johannes Gutenberg den Druck mit beweglichen Lettern erfunden hat, dass Leonardo, Michelangelo und Dürer ebenfalls die Kunst revolutionierten oder dass Kolumbus Amerika entdeckt hat – kurzum: dass Hieronymus Boschs Lebensreise eine Zeitenwende markiert. Der Mensch wurde als Maß aller Dinge erkannt. Und das drücken die beiden Tanzpaare auf der Bühne in vollkommener Harmonie aus, während sich Projektionen aus Boschs Bildern mit Großaufnahmen der Tänzerinnen und Tänzer mischen (Video und Fotografie: Roger Muskee, Erik Spruijit und Nanine Linning). In diesem zweiten Teil des Tanz-Triptychons sind es vor allem die sieben Todsünden und die vier letzten Dinge (aus Hieronymus Boschs gleichnamigem Tafelbild), die Nanine Linning thematisiert.
Im dritten Teil feiert sich die Company selbst. Sie formiert sich unter einem kahl-knorrigen Baum im phantastisch ausgeleuchteten Raum zu Schattenwesen (Lichtdesign: Loes Schakenbos), strebt als Menschenknäuel mit den Beinen und Armen nach oben, während der Countertenor stimmlich in überirdische Sphären entführt. Passend dazu erscheinen Himmelsleitern, auf denen die Ensemblemitglieder nach oben klettern, teils bewusst strauchelnd, teils zielstrebig. Eine Engelsgestalt gibt mit emporgestrecktem Finger die Richtung vor. Die Bewegungsabläufe werden dabei immer langsamer – bis die Darstellende Kunst als Tableau vivant in der Bildenden Kunst mündet. Frenetischer Beifall am Ende. Nanine Linning hat dem Heidelberger Theater einmal mehr einen Triumph beschert.
