Die „Sacre“-Choreographie setzt dazu gewissermaßen den historischen Kontrapunkt: Sehr strukturiert und mit strenger Synchronität formiert sie die Tänzer zu strengen Linien, Gängen und konzentrischen Kreisen. In den systematischen Bewegungen, aber auch durch die historischen, langen Kostüme (Alfred Peter) konzentriert sich Wigmans Arbeit auf den archaisch-kultischen, ritualisierten Akt der Opferung. Das Oper selbst ist kaum ängstlich, vielmehr zeigt sie neben der Verzweiflung eine vorausahnende, stolze und tragende Haltung, zart und bestimmt wird sie getanzt von der Tänzerin der Premiere, Ilana Werner. Beeindruckend ist in der Münchener Aufführung aber auch die originalgroße Besetzung mit insgesamt 45 Tänzern und Tänzerinnen auf der großen, angeschrägten Kreis-Bühne. Da die Arbeit in dieser Spielzeit nur in der Reithalle gezeigt werden konnte, wo es keinen Orchestergraben gibt, wurde hier zunächst eine Fassung für zwei Klaviere einstudiert. So großartig diese beiden Pianisten (Myron Romanul und Simon Murray) auch spielen – und das gelingt ihnen ohne Frage, sie ernten berechtigerweise einen tobenden Applaus – auf diese Weise fehlt musikalisch naturgemäß ein gewisses Futter. Damit verliert so manches dramatische Moment an Gewicht. Eine stärkere Wirkung kann diese Produktion sicher erzielen, wenn München sie im nächsten Jahr mit Orchesterbegleitung an einem anderen Ort zeigt.
Mit dieser Arbeit ist vielleicht kein Schatz geborgen worden, der heute in denselben Farben glänzt wie zu seiner Entstehungszeit – ihn umweht der Wind einer anderen Zeit. Dennoch ist es ein lohnendes wenngleich mühsames Unterfangen, die Arbeit einer derart bedeutenden Choreographin des letzten Jahrhunderts wieder zum Vorschein zu bringen: Es vervollständigt unseren heutigen Blick auf das große Repertoire der Sacre-Variationen. Chapeau.
