Diesen leicht märchenhaften Duktus behält der Abend weitgehend bei. So auch bei der Ballett-Probe, bei der lauter weiße Tänzerinnen auf Spitze die Primaballerina (Markéta Slapotová) umschweben, den Star der Oper, bis sie sich verletzt, strampelnd protestierend auf dem Boden hockt und doch den Auftritt Christines (Ludivine Revazov-Dutriez) nicht verhindern kann – beobachtet von den Theaterdirektoren am Bühnenrand.
Solche Theater-im-Theater-Situationen verführen leicht dazu, zu zeigen, was man hat und kann. Und so gibt es hier einen aufwendig kostümierten orientalischen Maskenball (Kostüme Götz Lanzelot Fischer), sehr schön anzusehen. Oder eine umständliche Szene mit sich amüsierenden jungen Herren, bei denen ein Bote versucht, ein Paket loszuwerden – das dann auf den Boden knallt und mit Feuerzauber einen maskierten Kopf freigibt: Eine Karikatur des Phantoms. Das bringt die Handlung nicht unbedingt weiter, kann aber die traurige Geschichte auch nicht aufhalten. Und die wird überzeugend getragen von den beiden Protagonisten (auch in dieser zweiten Vorstellung tanzte die Premierenbesetzung): Michal Sedlácek als Phantom, sehr elegant, sehr ausdrucksvoll, zwischen hingerissenem Tanz mit der angebeteten Christine und wütend-verzweifelten Drehungen und Sprüngen. Und Ludivine Revazov-Dutriez‘ Christine wandelt sich von der scheuen, suchenden zu einer selbstbewussten Frau, die Ring und Brautschleier verweigert, die das Phantom ihr anstecken will. Ebenfalls sehr ausdrucksstark ist Kaori Morito als strenge Directrice in einem eleganten, prächtig ausgestatteten Tanz-Märchen.
