Vielleicht sollte man bei diesem Ballett nicht alles so genau nehmen. Birgit Scherzer hat zwar viel vor, und im Programmheft ist im Verhältnis Mutter/Tochter viel von “weiblicher Konkurrenz” zu lesen, von “tiefer Verunsicherung”, von “Lebensangst”. Auf der Bühne allerdings manifestiert es sich eher als Klischee, wenn sie die gekrönten Kinder allesamt wie Miniaturausgaben von Prinzessin Lillifee präsentiert. Hinzu kommt, dass viele Figuren choreografisch schwächeln, und lediglich Schlüsselszenen wie die “Schneewittchen-Revolution” oder “Ihr Retter” so eigen wirken, wie man sich das insgesamt für den 90-minütigen, pausenlosen Abend gewünscht hätte.
In der einen Szene positionieren Davina Kramer und Nao Matsushita ihre Eigenständigkeit auf eine Weise, wie man sie aus den besten Balletten von Mats Ek her kennt. In der anderen erinnert Tom Bergmann daran, wie kraftvoll, sprunghaft, emotionell Birgit Scherzer früher ihre Männer-Soli ausgeformt hat. Schade nur, dass das auf Kosten der Musik geschieht. Die Choreografin reiht hier nach Takten von Philip Glass ziemlich uneinsichtig Sprachcollagen von Hughes Le Bars, Streichquartett-Sätze von Beethoven, Stücke von Comelade und eine Komposition wie das „Adagio for Strings“ von Samuel Barber so aneinander, als wollte sie damit ihrem Publikum das Fürchten lehren. Davon kann allerdings keine Rede sein. Geradezu demonstrativ feierte es das Team um Birgit Scherzer und Ballettdirektor Jens-Peter Urbich, als gäbe es keine Einwände. Schließlich weiß es nicht, wie oft es dazu noch Gelegenheit hat.
