Autor Thomas Köck über die Geißel ökonomischen Wachstums
Leseprobe

Es gibt keinen grünen Kapitalismus

Über die Geißel ökonomischen Wachstums und unsere Angst vor dem Verzicht: Der Dramatiker Thomas Köck hofft auf die Künstler:innen von morgen

aus Ausgabe 02/2022 zum Schwerpunkt »Ungeheuer Mensch«

Über die Geißel ökonomischen Wachstums und unsere Angst vor dem Verzicht: Der Dramatiker Thomas Köck hofft auf die Künstler:innen von morgen

Eine polnische Klimaaktivistin hat mir vor Kurzem während eines Podiumsgesprächs in Warschau widersprochen: Es ginge in meinen Texten doch gar nicht ums Klima per se, soweit sie die jetzt verstanden hat. Es gehe darin überhaupt nicht um den Klimawandel und auch nicht um Gradzahlen und um aktuell diskutierte klimapolitische Fragen. Es gehe nicht um Fragen, wie man die CO2- Emissionen runterfährt oder ob Windräder die Antwort auf alles sind. Weder gehe es um Phantasien, wie man mit dem Kollaps verfahren solle, noch um Spekulationen darüber, wie Pilze uns am Ende der Welt alle überleben werden. Es geht um etwas viel Wesentlicheres, es geht schlicht um das Problem des ökonomischen Wachstumsprinzips. Das Interessante an den Texten sei schließlich, erklärte sie dann, dass sie vom Klima erzählen, aber das nur als Klammer benutzen, um in Wirklichkeit die Folgen von (wirtschaftlichem und individuellem) Wachstum zu erforschen, das mittlerweile zur Grundlage dieses Wirtschaftssystems geworden ist – das ist für sie der wesentliche Punkt. Ich kann das eigentlich nur bestätigen. Ich glaube nicht, dass man den Kapitalismus grüner bekommt. Ausbeutung bleibt Ausbeutung, und von irgendwoher muss das jährliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) schließlich kommen.

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Wohlfeiler Neoliberalismus

Ich finde dennoch interessant, dass die neoliberale Ideologie mittlerweile derart gefestigt ist, dass man annimmt (oder damit droht, je nach politischer Ausrichtung), dass die kommende Gesellschaft als ganze bescheidener leben muss. Das ist eine ähnliche Verdrehung der Idee wie bei der Erbschaftssteuer. Die Propaganda gegen die Umverteilung zielt darauf, dass Geringverdiener oder Menschen der sogenannten Mittelschicht Angst davor haben, gierige Wohlfahrtsstaaten könnten das bisschen, was sie sich angespart haben, am Ende ihren Kindern wegfressen. Dabei geht es bei der Debatte um Erbschaftssteuer darum, individuelle, gehortete Erträge – die allerdings durch kollektiv geleistete Arbeit gewonnen wurden und dann eben alleine bei dem/der Unternehmer:in gelandet sind – wieder in die Gesellschaft zurückzuführen.

Die Welt ist voll

Was würde auch bescheiden leben heißen? Eine 80 Kilogramm schwere Person, die in Deutschland lebt, produziert im Durchschnitt aktuell 240 Kilogramm Müll pro Jahr, diese Person vervierfacht sich also mülltechnisch jedes Jahr. Das bedeutet, aus vier Millionen Einwohner:innen in Berlin kommen jährlich zwölf Millionen Menschen hinzu. Der gute alte Heiner-Müller-Satz: „Die Welt ist nicht schlecht, sondern voll“, erhält dadurch ein neues Gewicht – und eine gänzlich neue ironische Volte. Die von Mülldoubles bevölkerte Welt ist nämlich beides: verfault und voll.

In Wirklichkeit musste die sogenannte Mittelschicht beziehungsweise Menschen mit sogenanntem durchschnittlichen Einkommen bereits in den letzten Jahren lernen, bescheiden zu leben. Dank völlig deregulierter globaler Märkte und erschreckend niedriger Spitzensteuersätze ist man mittlerweile froh, wenn man überhaupt noch eine einigermaßen bezahlbare Wohnung in einer deutschen Großstadt findet, wenn man noch eine gute unbefristete Festanstellung findet, wenn man irgendwie ein kleines Vermögen alleine durchs Sparen aufbauen kann. Bescheidener leben lernen müssten eigentlich nur Multibillionäre, die sich mittlerweile eigene Raumfahrtmissionen leisten, um irgendwie diesem Planeten zu entkommen, den sie überhaupt erst ruiniert haben, während ihre Angestellten fürs Wachstum in Plastikflaschen pissen müssen. Mit steigendem Einkommen steigt also offensichtlich auch noch der individuell generierte Müllberg.

Verzicht als Tatsache

Das Problem mit der Bescheidenheit und dem Verzicht ist noch ein ganz anderes: Wir werden so oder so mit Verzicht leben müssen. Die Meere sind leergefischt, die Wälder sterben oder werden abgeholzt, die agrarisch genutzten Landstriche werden von der monokulturellen Landwirtschaft und immer aggressiveren Düngemitteln attackiert. Und in Wirklichkeit verzichten die meisten Menschen schon lange auf Geschmack und Nährwert von Lebensmitteln, die mittlerweile eher zur Ausrede geworden sind, um globale Lieferketten zu bedienen. Viele Menschen außerhalb eines – sagen wir mal – bundesdeutschen Wohlstandsstaates (der sich seinen Wohlstand momentan hauptsächlich vom Erbe der bürgerlichen Boomer leistet oder auch von dem Reichtum, den man sich durch den Ausverkauf der ehemaligen ostdeutschen Bundesländer angeeignet hat), haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten schon lange gelernt, mit Verzicht zu leben, sie kennen eigentlich kein anderes Leben. Und ein bisschen klingt es schon seltsam, wenn in reichen Ländern über Plastikbecher und wiederverwertbare Strohhalme zum Klimaschutz diskutiert wird, wo doch das wirtschaftspolitische Paradigma selbst das Problem ist. Denn all das sind klimapolitische Diskussionen aus ökonomischer Sicht: Wie kann man Produkte nachhaltig gestalten, ohne die Wirtschaft zu zerstören und ohne das Wachstum anzugreifen? Denn das war immerhin das Prinzip, das am Ende der Geschichte damals übrig geblieben ist: ein jährliches Wirtschaftswachstum von drei Prozent für den Weltfrieden. Das bedeutet, dass man alle 23 Jahre das BIP beziehungsweise das Wirtschaftswachstum verdoppeln müsste, die gesamte Weltwirtschaftsleistung vom Jahr 2000 müsste sich bis 2100 demnach verzwanzigfachen (and so on!) – was bedeutet, dass exponentiell dazu auch die Rohstoffe, die Umweltschäden, die Kollateralschäden etc. verzwanzigfacht werden müssten, was wir aktuell ja bereits erleben. Die Staaten halten an ihrem BIP fest, das zu einem Indikator für Wohlstand geworden ist, in Wirklichkeit allerdings ein völlig unzureichender und undifferenzierter Indikator dafür ist: Holzt man Wälder in rauen Massen ab, steigt das BIP, wenn man den Arbeitstag verlängert und das Pensionseintrittsalter nach hinten schiebt, steigt das BIP – aber das BIP fragt nicht nach Luftqualität, nach Habitatzerstörung oder anderen ebenso relevanten Wohlstandsindikatoren, wie Jason Hickel in „Less is More“ schreibt.

Was bedeutet also Wohlstand? Und was bedeutet also Verzicht? Wenn man aufhört, Müll zu produzieren, um das Wachstum und den Absatz zu steigern, bedeutet das dann Verzicht? Wenn man auf nachhaltige Produkte setzt, wenn das BIP nur noch 0,5 Prozent steigt, geht dann die Welt unter? Und vor allem, für wen? Für Aktienvorstände? Oder für Menschen, die längst in dem aktuell stattfindenden Untergang leben? Wer Angst vor Verzicht hat, lebt schon im falschen Bewusstsein.

Der Müllproduktions-Kreislauf

Das deutsche Stadt- und Staatstheater, das ja letztlich ein staatlicher und kommunaler Betrieb ist und alleine dadurch von den staatlichen und ideologischen Problemen schon auf struktureller Ebene nicht verschont bleibt, hätte eigentlich eine ganze Reihe von hausinternen Möglichkeiten zur Entschleunigung und für nachhaltigere Produktionskreisläufe. Schauspieler:innen müssen immer mehr und schneller liefern, was sich aber nur selten in dementsprechend ansteigenden Gagen widerspiegelt. Regiemenschen fahren mittlerweile in den Endproben immer öfter zu Konzeptions- und Leseproben der nächsten Inszenierungen, weil in allen Bereichen die Löhne sinken und die Produktionszeiträume mittlerweile absurd zusammengeschrumpft sind. Hauptsache, man feuert und verheizt. Und Absagen kann man sich ja auch nicht leisten, dann lieber Überarbeiten und Erschöpfen (weil irgendwie ist das ist ja auch Punkrock, sich selbst zu verheizen für den staatlich subventionierten Kunstbetrieb und den nächsten über die beschauliche Natur trauernden Goethe-Text). Dabei könnte man die einzelnen Departments miteinander verschalten, versuchen, die Abfälle von der einen Abteilung in der nächsten wiederzuverwenden. Die Löhne erhöhen und für weniger Fluktuation sorgen und dadurch auch die Müllproduktion auf allen Ebenen regulieren. Stücke häufig nachspielen hilft auch, just saying. Und die Presse müsste lernen, nicht immer nur der vermeintlich nächsten Innovation und dem nächsten Hype hinterherzujagen, sondern Kontinuität untersuchen. Der neoliberale Wachstumskapitalismus ist ja ein einziger großer Müllproduktionskreislauf, in dem dann immer das große Neue präsentiert wird, bevor es ein, zwei Jahre später wieder eingetütet und weggeworfen wird, um Platz für das nächste große neue tolle Ding zu machen, bevor wiederum das weggeworfen wird. Da hängt dann auch noch der Geniegedanke dran und diese große und ungebremste Kunstbehauptung, die am Ende auch nur Teil vom Müllkreislauf wird. Man könnte stattdessen weniger auf das nächste große tolle Neue schielen und sich fragen, wie man mit dem Bestehenden verfahren kann, wie man als mittelgroße Auftraggeberin und Produzentin in Städten auch den Umgang mit Material mitgestalten kann und eben auch Diskussionen über die Werkstätten hinaus anstoßen könnte.

Das Anthropologische Argument

Es gibt eben auch andere Modelle. Man müsste einfach das Wachstum regulieren, die Gewinne stärker mit höheren Spitzensteuersätzen kollektivieren und reinvestieren in nachhaltige Produktionskreisläufe und entschleunigte Lebensmodelle – das Problem ist aber immer, dass sich diese Vorschläge am Ende am Wachstumsparadigma stoßen. Und natürlich hört man in sehr vielen Diskussionen oft auch das anthropologische Argument, das System sei nicht schlecht, es seien schließlich menschliche Eigenschaften (Selbstverwirklichung, Gier, Wachstumsdrang etc.), die schon länger existieren und so weiter. Dieses Argument verkennt jedoch jedes Mal (absichtlich oder unabsichtlich), dass die Klimakrise nicht mit dem Auftreten des Homo sapiens beginnt, sondern mit dem Beginn der Industrialisierung und in den letzten Jahrzehnten durch die Deregulierung von Märkten und die Beschleunigung des Abbaus von karbonbasierten Rohstoffen ein Level erreicht hat, das uns und zukünftigen Generationen gerade Probleme bereitet in einem Ausmaß, das historisch betrachtet ein völliges Novum ist. Natürlich gab es historisch betrachtet schon Ressourcenknappheiten (beziehungsweise Intrigen, Gier und Kriege) in Kulturen oder Staaten, allerdings waren diese Knappheiten lokal beschränkt und führten zum Niedergang lokaler Reiche oder Communities. Heute bedrohen viele verschiedene Faktoren, die mit einem nicht nachsichtigen Wirtschaftssystem im globalen Ausmaß zusammenhängen, den gesamten ökologischen Kreislauf in geographisch scheinbar voneinander unabhängigen Gebieten. Deshalb ja, Gier existiert, genauso wie Hass, aber es braucht schon ein darauf ausgerichtetes global ineinandergreifendes System, um einen ganzen Planeten aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Ich bin mir im Übrigen sicher, dass die Künstler:innen von morgen diese Probleme wahrnehmen, dass sie sich nicht erzählen lassen, dass, egal was und wozu, der Lappen hochgehen muss, dass Selbstausbeutung, Erschöpfung, endlose Reproduktion und der endlose Verschleiß von Material und Körpern im staatlich subventionierten Kunstbetrieb der einzige gangbare Weg sind – sondern dass sie auf die Bremse treten und drauf scheißen, auf Verwertbarkeit, das Wachstum und das BIP. Und diese Künstler:innen von morgen sind bereits da, wir sind das, wir gestalten dieses Morgen bereits heute. Und wir entscheiden heute, welche Künstler:innen von morgen wir gewesen sein werden.