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Zwischen Weltkrieg und Vogeleiern

Walter Braunfels: Die Vögel

MusiktheaterPremiere: Theater: Oper Köln
Regie: Nadja Loschky  Musikalische Leitung: Gabriel Feltz   Foto: Paul Leclaire 
Von Andreas Falentin am 06.12.2021

Hört man Walter Braunfels‘ 1913 uraufgeführte Oper „Ulenspiegel“, weiß man, dass der damals 31-jährige Komponist Krieg als politischem Mittel zumindest nicht vollständig ablehnend gegenübergestanden haben kann, wie damals übrigens die deutliche Mehrheit der deutschen Intellektuellen. In „Ulenspiegel“ wimmelt es von aggressiven Äußerungen. Die Hauptfigur vergilt, wenn auch getrieben von erlittenem Unrecht, Gewalt mit Gewalt, schießt dabei weit über jedes auch nur ansatzweise moralisch als legitim zu bewertendes Ziel hinaus, wird aber nie negativ gezeichnet.

Fast unmittelbar nach der Uraufführung begann Braunfels mit der Komposition der „Vögel“. 1915 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, 1918 schwer verwundet, trat zum Katholizismus über und wurde, sehr ernsthaft, Pazifist. 1920 fand die Uraufführung von „Die Vögel“ in München statt. Braunfels, selbst auch Librettist, bezieht sich auf eine Komödie von Aristophanes, nimmt ihr aber den Komödienschluss. Zwei Männer begegnen einer Gruppe Vögel. Der eine, bei Braunfels heißt er Hoffegut, hat ein rauschendes Naturerlebnis, der andere, Ratefreund, benutzt die arglosen Tiere, um sich mit ihnen einen Modellstaat zu bauen und sich damit über die Götter zu erheben. Der als Warner auftretende Prometheus gibt bei Aristophanes Tipps, wie man die Götter austricksen kann, was gelingt. Bei Braunfels wird ihm nicht zugehört, Zeus zerstört die Stadt und die zwei Herren gehen wieder nachhause. Die Oper wurde eines der zugkräftigsten und erfolgreichsten Stücke der Weimarer Republik, dann 1933 von den Nazis verboten. In den 90er-Jahren fand eine, durch eine CD-Aufnahme beförderte Wiederentdeckung statt, die immer wieder zu einzelnen Produktionen führt, zuletzt bei den Tiroler Festspielen in Erl und, mit Frank Castorf als Regisseur, am Bayerischen Nationaltheater.

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Warum, abgesehen von musealen Zwecken, spielt man aber dieses „lyrisch-fantastische Spiel“ heute? Die Kölner Inszenierung von Nadja Loschky beginnt im Saal 1 des Kölner Staatenhauses auf der eindrucksvollen Brache von Ulrich Leitner (noch eindrucksvoller beleuchtet von Nicol Hungsberg) tatsächlich mit einer Weltkriegsszene. Da kommen zwei Soldaten panisch auf die Szene. Mehr kommen überfallartig dazu. Zwei, darunter, wie wir herausfinden, Hoffegut, sinken getroffen zusammen. Der Spuk ist vorbei, Hoffegut erhebt sich, sein Kollege Ratefreund – im historisch-modischen Dreiteiler mit zwei hinzuerfundenen Gehilfen – gesellt sich wie von ungefähr dazu und man trifft flugs auf die Vögel. Deren Chef, der Wiedehopf, ist offensichtlich Kriegsinvalide (vielleicht, weil er im Libretto behauptet, früher ein Mensch gewesen zu sein). Die anderen tragen ulkige Schnäbel, Brillen, Füße und Haartrachten, sind aber sonst auch wie Weltkriegspersonal gekleidet (Kostüme: Irina Spreckelmeyer), und sämtlich in schwarz-weiß-grau, selbst der Flamingo. Als eine Art Freigeist unter ihnen (und wohl auch als Stimme der Natur im engeren Sinne) schreitet die Nachtigall einher, sie im Kostüm einer trauernden Witwe (oder verschleierten Jungfrau) und weckt bei Hoffegut Sehnsüchte.

Dystopischer Slapstick und Todessymbole

So häufen sich in der ersten halben Stunde etliche Unschärfen, wird mal realistisch angedeutet, mal künstlerisch überhöht, mal satirisch verzerrt, fügt sich das Spiel nicht. Irgendwann rastet es aber ein und Loschky kann ihre, gerade was Personen- und besonders Chorführung betrifft, überdurchschnittlichen handwerklichen Fähigkeiten ausspielen, erzählt die Fabel von nun an plastisch und differenziert und fügt etwas dystopischen Slapstick bei, etwa wenn ein Vogelei platzt und der Embryo herumgeworfen wird, oder wenn Ratefreund seine Arbeitssklaven kujoniert. Mit der oben gestellten Frage beschäftigt sie sich allerdings nicht. Über Bildsymbole macht sie Schichten in der Musik hörbar, spielt mit etlichen Konstellationen – die sechsfach vermehrte Nachtigall als Kundry samt Blumenmädchen, die Amfortas-Wunde bei Hoffegut und Prometheus – auf Wagners „Parsifal“ an, arbeitet zudem mit mythischer Emblematik, etwa dem Granatapfel als Todessymbol.

Hervorragend musiziert

Der Abend wird hervorragend musiziert. Gabriel Feltz arbeitet mit dem Gürzenich Orchester die Strukturen und ungewöhnlichen Klangfarben dieser Musik schlüssig heraus. Er setzt ganz auf transparent und vermeidet breites romantisches Aufrauschen, was auch bei der Platzierung des groß besetzten Orchesters am linken Bühnenrand zu akustischen Ungleichgewichten hätte führen können. Der Chor zeigt sich in herausragender Form, singt so klangschön wie wortdeutlich. Das Ensemble hingegen ist recht heterogen besetzt. Ann Durlovskis Timbre ist ein wenig hart geworden, mit ihrer Ausstrahlung und ihrer nach wie vor höchst intakten Koloraturtechnik ist sie als Nachtigall dennoch das musikalische Zentrum der Aufführung. Joshua Bloom hat den nicht leicht zu singenden Ratefreund musikalisch im kleinen Finger, lässt aber seinen schön modulierten Bass-Bariton ein wenig zu häufig ins Dröhnen geraten. Burkhard Fritz hat durchaus Probleme mit dem Hoffegut, tönt arg dunkel, bindet seine Phrasen oft nicht zu Linien zusammen, hat gerade in der großen Szene mit der Nachtigall auch Intonationsschwierigkeiten. Wolfgang Stefan Schwaiger hingegen gestaltet den Wiedehopf mit der feinen, schlanken Klinge eines Liedersängers, was nicht unbedingt der Intention des Komponisten entspricht, sehr wohl aber der akustischen Situation im Staatenhaus.

Noch einmal gefragt: Warum inszeniert man heute, in dieser gesellschaftlichen Situation, dieses Stück? Wo ist die Dringlichkeit? Natürlich, Loschky arbeitet den Unterschied zwischen dem nicht nur an sich selbst leidenden Künstler Hoffegut und dem profit- und machtorientierten Wissenschaftler Ratefreund überzeugend heraus, zeigt die Vogelstadt dann als eine Art Bienen- oder Ameisenstaat, als Eierdepot, in dem es nur um Vermehrung und Konditionierung des Nachwuchses geht. Eine kritische Setzung? Aus welcher Haltung, in welche Richtung?

Dazu enthält das Libretto viel Kitsch, (zu) viel Naturgeschwurble. Minutenlang sucht Hoffegut nach Formulierungen für sein Natur- (und sehr sinnliches Nachtigall-) Erleben und herauskommt, o Wunder: „Die klingende Ferne“. Mehr Beispiele ähnlicher Qualität ließen sich anführen. Der Künstler träumt sich auf einer Bühne im Jahr 2021 aus einer vergangenen Zeit in eine vergangene ideale Traumwelt. Und geht, an diesem Abend, am „wirklichen Leben“, mutmaßlich an seiner Kriegswunde, zugrunde. Es bleibt: ein großes Unbehagen.

 

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