Der Ensemblecharakter der Oper, in der keine einzige echte Arie gesungen wird, ist ebenfalls durch die Traumanordnung betont, weil häufig auch die Personen mit auf der Bühne sind, über die sich die anderen gerade das Maul zerreißen. Das Altersheim ist näher, wenn die Türen zum Speisesaal aufgehen und Pflegerinnen das Essen bringen. Es kann aber auch weit weg sein, wenn sich dieser Falstaff seine Opernwelt samt ihren Rollen herbeiträumt. Manches Mal vermischen sich auch die Ebenen. Mrs. Quickly, die vom sinnlichen, über eine satte Tiefe verfügenden Mezzosopran Elisabeth Kulmans erotisiert wird, mutiert zur sexy Krankenschwester, der Falstaff an die Wäsche geht. Ambrogio Maestri zeigt diesen alternden Don Giovanni in seiner ganzen Bandbreite zwischen Manie und Depression. Er wuchtet seinen mächtigen Bariton ins Falsett, um die Damen nachzuäffen. Oder spürt nochmals seine Manneskraft, wenn er seinen Kontrahenten Ford mit vollem Brustton gegen die Wand singt oder dessen Frau Alice, der Fiorenza Cedolins’ perfekt geführter Sopran Beweglichkeit und Intensität schenkt, mal kurz auf dem Flügel verführt. Auch Mrs. Meg Page (mit viel Fundament: Stephanie Houtzeel) ist nicht gefeit vor den Avancen des alternden Amors im Morgenmantel. Die Wiener Philharmoniker setzen unter Zubin Mehta die vielen Stimmungswechsel reaktionsschnell um und verzaubern mit edlen Hornsoli und kammermusikalischem Grundton. Nur wenn das Geschehen in den großen Ensembleszenen an Fahrt aufnimmt, klappert es gelegentlich zwischen Bühne und Orchestergraben. Zur berühmten Schlussfuge „Tutto nel mondo è burla“ (Alles in der Welt ist ein Scherz) tritt das Ensemble vor den Gazevorhang, auf dem der schlafende Sänger im Altersheim gezeigt wird. Seine Mitbewohner versuchen in dem Videofilm vergeblich, ihn aus seinem Operntraum aufzuwecken – ehe bei der letzten Generalpause der Vorhang fällt und man sich wieder im voll besetzten Aufenthaltsraum der Casa Verdi befindet. Die Erzählebenen werden brillant zusammengeführt. Ein grandioses Ende eines großartigen Musiktheaterabends der Salzburger Festspiele.
