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Zweigeteiltes Werk

Martina Clavadetscher: Frau Ada denkt Unerhörtes

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Braunschweig
Regie: Milena Mönch   Foto: Joseph Ruben Heicks 
Von Andreas Berger am 06.12.2021

Im zweiten Teil wird „Frau Ada denkt Unerhörtes“ von Martina Clavadetscher dann doch noch ein richtiges Stück: mit klar umrissenen Charakteren, einer logischen Situation und einem deutlichen inhaltlichen Fokus. Zwei Forscher, eine Forscherin haben so lange an der künstlichen Intelligenzmaschine gepruckelt, bis das Wesen unerwartet zu funktionieren beginnt, ja im Laufe des algorithmischen Selbstoptimierungsprogramms sogar die Menschen zu überholen ansetzt und ihnen ganz sachlich das tatsächlich unerhörte Angebot entgegenruft: „Ich kann euch optimieren!“

 

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Das Wesen der Forscher

Das sitzt. Und wer wollte leugnen, dass es so, wie wir zum Beispiel diese drei Forschungsmenschen bis eben kennengelernt haben, nicht manches zu verbessern gäbe am Prototyp Homo erectus. Clavadetscher hat sie gut und knapp eingeführt, die Mitwirkenden in der Studiospielstätte des Staatstheaters Braunschweig füllen sie unter Milena Mönchs  sachdienlicher Regie prägnant mit Leben: Cino Djavid als Holzhäuser erzählt dumme Witze und muss angesichts seiner Beziehungslosigkeit erkennen: „Ich kann Informatik. Mensch kann ich nicht.“ Götz van Ooyen als Baumgartner tituliert ihn rabiat als Trottel und steht in spürbarer Konkurrenz zur weiblichen Kollegin Keller (Saskia Taeger), die als Exzellenzforscherin vor ihm auf der Karriereleiter klettert und ihn wohl auch als Frau reizt. Ein womöglich typisches kleines Forschungskollektiv, das zwischen Pizzaholen, Saufen und technischen Defekten irgendwie auch noch die Wissenschaft voranbringt.

 

Das neue Wesen

Im konkreten Fall geht es um künstliche Intelligenz, ja anthropoide Roboter. Und „Es“ steht auch schon gegenüber auf der Bühne. Naima Laube entwickelt aus der Regungslosigkeit eine anrührende Gestalt, die durch ihren menschlich weichen Ton vereinnahmt, bis sie zum fühllosen Sprech der überlegenen Intelligenz wechselt. Holzhäuser benutzt sie als Maschine, als erweiterte Alexa, die seine Befehle ausführt. Auch absurde wie den, sich mit einem Kabel zu strangulieren. Keller reagiert auf Es wie auf einen Menschen, hat ethische Bedenken. Baumgartner sieht Es sachlicher, hat aber auch Schwierigkeiten, an diesem menschenähnlichen Roboter, der gemäß kopierter Verhaltensmuster kitzelig reagiert, den Ausschalter zu finden. Aber Es kopiert nicht nur, Es optimiert auch. Schon bald bekommt Es die Oberhand. Verführt Keller zu erotischem Genuss. Vollführt Holzhäusers Befehl zum Selbstmord in der Schlinge nur wie eine Schauspielerin – und befreit sich rechtzeitig. Es ist uns über. Ein Roboter, der nicht nur clever ist, sondern die Vorspiegelung menschlicher Eigenschaften wie ein Mensch zur Machtausübung nutzen kann, hinterlässt einen doch mit leisem Grauen.

 

HIstorische Irrwege

Nun hat das Stück noch einen ersten Teil, und der überzeugt weitaus weniger, ja macht die Sache unnötig kompliziert. Clavadetscher erzählt dort aus dem Leben der historischen Ada Lovelace, der Tochter des genialischen und erotisch freizügigen Romantikers Lord Byron und seiner bigotten Frau Annabelle. Was Unerhörtes Ada auch dachte, die Mutter unterdrückte es, und eine wissenschaftliche Betätigung war einer Frau im damaligen England nur insgeheim möglich. Ihre Erkenntnisse verstecken sich zum Beispiel im Anmerkungsapparat der Übersetzung eines Buches des Erfinders Charles Babbage. Sie habe in ihren Aufzeichnungen die erste Programmiersprache erfunden, heißt es. Ein ziemlich dünnes Band, um in den zweiten Teil des Stückes überzuführen. Kurz nennt sich das Es dort auch mal Ada, als glimme ein Rest deren Wissens in seinem Computerhirn. Ada und Es als Opfer männlicher Forscherdominanz zu sehen, geht aufgrund der Emanzipation von Es zur womöglich menschheitsbeherrschenden Intelligenz auch nicht auf.

Regisseurin Milena Mönch verkompliziert die Sache noch zusätzlich, indem im ersten Teil Götz van Ooyen mit vornehm gespitzter Stimme die Mutter, Saskia Taeger den Erfinder, und Taeger und Cino Djavid auch noch die sprechenden Puppen Adas spielen müssen. Wozu sie sich aus den unspezifischen Requisiten und Kleidungsteilen bedienen, die Ausstatterin Lou Hinderhofer in das vorgegebene Bühnenbild des Studios gestreut hat. Das sieht etwas nach Improtheater im Fundus aus, aber die Schauspielerinnen und Schauspieler schaffen es tatsächlich, ihre jeweiligen Rollen sprecherisch zu beglaubigen. Naima Laube darf dabei einfach nur Ada sein und macht das Feuer dieser Intelligenz in einem kränkelnden Körper spürbar. Sie wäre auch ein eigenes Stück wert. Und der zweite Teil könnte als Stück zur Wissenschaftsethik durch seinen Humor und die emotionale Fallhöhe sogar ein Renner werden. Aber die Teile brauchen einander nicht. Zusammen wirken sie daher eher umständlich als erhellend.

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