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Willkommenskultur und Abreisechaos

Leonardo Vinci/Georg Friedrich Händel: Didone Abbandonata

Premiere:  (DE)   Theater: Theater Heidelberg, Schloss Schwetzingen
Regie: Yona Kim  Musikalische Leitung: Wolfgang Katschner/Gerd Amelung   Foto: Annemone Taake 
Von Joachim Lange am 04.12.2015

Die Wiederentdeckung von Leonardo Vinci (1690-1730) ist für die eventversessene Kulturbranche ein Glückstreffer. In Zeiten eines anhaltenden Booms der Barockmusik und der Countertenöre und mit dem Rückenwind ambitionierter Interpreten und findiger Festivalleiter wird gerade eine Vinci-Oper nach der anderen dem jahrhundertelangen Vergessen entrissen. Muss sich nur kurz schütteln und liefert jedes mal ein musikalisch-vokales Feuerwerk vom Feinsten. Alles begann mit „Artaserse" - einer Oper, einst nur für Kastraten geschrieben. Die kam vor drei Jahren in Frankreich als Steilvorlage für die weltbesten Countertenöre von heute wieder zum Vorschein. Seit der konzertanten Tournee, der DVD- und CD-Einspielung wirkt sie wie ein Türöffner, für den Wiedereintritt des Händel-Zeitgenossen ins lebendige Bühnenleben. „Semiramide“, erst in Wien, dann bei den Händefestspielen in Halle, „Il Catone in Utica“ als Juwel der Maifestspiele in Wiesbaden und jetzt als Glanzstück für den zehnten Winter in Schwetzingen, dem kleinen Barockfest, mit dem das Theater in Heidelberg das Rokokotheater auch zur kalten Jahreszeit erstrahlen lässt: „Didone Abbandonata“. 1726 entstanden brachte Händel 1737 seine Bearbeitung im Londoner Theatre Royal heraus.  

Auf ihrer Reise durch die versunkene, aber noch zu fassende Welt der Barock-Musik befinden sich die Heidelberger Archäologen unter Leitung von Operndirektor und Festivalleiter Heribert Germershausen damit mitten in der Epoche der opera napoletana, deren versunkene Werke seit der Spielzeit 2011/12 im Winter gehoben werden (von Alessandro Scarlatti, Niccolò Antonio Porpora, Tommaso Traetta und Niccolò Jommelli). 

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Vinci passt da punktgenau. Schon, weil bei seiner Musik Suchtgefahr besteht. Bislang hat er mit jedem neu zutage geförderten Stück die einmal geweckten Erwartungen erfüllt, um dann doch mit einer eigenen Note zu überraschen. Außerdem hat er starke historische Anwälte. Von Metastasio stammt die Vorlage für die Dido-Oper und kein geringerer als Georg Friedrich Händel hat die Werke des Kollegen geschätzt, bearbeitet und selbst heraus gebracht. Immer mit dem Geschick des geschäftstüchtigen Machers, hat er im vorliegenden Fall,  wie damals üblich, gekürzt, zugespitzt, und das Material mit effektvollen Arien von Hasse oder Vivaldi ergänzt. 

Für den durchweg flott eleganten, ans Klassische heranreichenden melodischen Ton ist der Barockspezialist Wolfgang Katschner am Pult der exzellent ins barocke Idiom eintauchenden Musiker des Heidelberger Orchesters, der Richtige. Wenn diese Produktion Ende Mai zu den Händefestspielen nach Halle kommt, wird er mit seiner Lautten Compagney dem Ganzen im Goethe Theater Bad Lauchstädt nochmal einen zusätzlichen historischen Drive verpassen. 

Regisseurin Yona Kim hat die verwickelte Trennungsstory des griechischen Promi-Flüchtlings Aeneas von der karthagischen Königin Dido, als Beziehungskiste im Kammerspielformat geschmackvoll und mit Liebe zum Detail in Szene gesetzt, bei der es ihr um das Wer-mit-Wem, vor allem aber um das Wer-mit-Wem-gerne-würde geht. Dido (intensiv und koloraturensicher: Rinnat Mariah) liebt Aeneas und umgekehrt. So weit so gut. Aber Aeneas ist nicht nur der smarte Liebhaberblondschopf, sondern auch der Krieger (auf der Flucht, um in Italien das neue Griechenland zu gründen, wie wir aus Berlioz’ „Trojanern“ wissen). Anderseits ist der afrikanische Barbar Jarbas scharf auf Dido und ihr Reich. Was für ein veritables Dauer-Duell zwischen dem vielversprechenden Counter Kangmin Justin Kim in der Rolle des noblen Griechen, der die Menschlichkeit gepachtet hat, und seinem Counterkollegen Terry Wey sorgt, der als Jarbas den gefährlichen Eindringling gibt. Beide profilieren sich mit Verve und als Virtuosen des emotionalen Ausbruchs.    

Dieses Beziehungsdreieck wird erweitert durch Didos Schwester Selene (Elisabeth Auerbach), die ebenfalls in Aeneas verliebt ist, ihrerseits aber von Jarbas Vertrauten Araspe (mit rundem Tenor: Namwon Huh) geliebt wird, der so zwischen die politischen Fronten gerät. Als Musterbeispiel von abruptem Seitenwechsel (von Jarbas zu Dido) und für geschmeidig leicht geführten Mezzowohlklang komplettiert Polin Artsis als Osminda das Halbdutzend der ausgesprochen spielfreudigen Protagonisten. 

Das Ganze hin und her, in dem sich Aeneas am Ende doch für seinen historischen Auftrag entscheidet, führt geradewegs in eine Katastrophe, die durch kein lieto fine bemäntelt wird. Nachdem Jarbas von Dido endgültig zurückgewiesen wurde fackelt er ganz Karthago, samt der verlassenen Königin, ab. Die jedenfalls haben es nicht geschafft. …

Für Yona Kim bleibt der heute offensichtliche, politische Aspekt, so wie schon vor 300 Jahren, eher der Hintergrund für ein Beziehungsdrama um unerwiderte Liebe und Verlassenwerden. Anders als bei der Grand Opera Schwester diese barocken Juwels, den Trojanern, wirkt eine solche Selbstbeschränkung der Regie aufs quasi Private  hier schlüssig.

 

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