Nadine Geyersbach stapft als düstere Gestalt auf die rechte Bühnenseite durch dichten Nebel.

Horatio und die Geister

William Shakespeare: Hamlet

Theater:Theater Freiburg, Premiere:20.02.2026Regie:Julia Riedler

Julia Riedler debütiert am Theater Freiburg mit einem konzentrierten „Hamlet“. Vier Spieler:innen, ein mausgrauer Vorhang, unmittelbarer Kontakt zum Publikum und Nadine Geyersbach als Horatio und Hamlet zugleich. Der Abend pendelt zwischen Geister-Entertainment und tragischem Ernst.

Hamlets Testament ist eine Erzählung. Im Sterben bittet er seinen Freund Horatio, der Nachwelt seine tragische Geschichte zu überliefern. Julia Riedler nimmt diese Aufforderung bei ihrem Freiburger Regiedebüt ernst. Die Schauspielerin des Jahres 2025 beginnt ihre Inszenierung im Kleinen Haus des Theaters mit dem Auftritt von Horatio vor dem massiven mausgrauen Vorhang, mit dem Stefan Britze den Bühnenraum nach vorn blickdicht abgeschlossen hat.

Die Spielfläche ist nur ein schmaler Streifen, der Ausgriff ins Publikum fast unvermeidlich. Nadine Geyersbach, die seit dieser Spielzeit wieder zum Schauspielensemble gehört – älteren Theatergängern ist sie als großartige Darstellerin unter der Intendanz von Amélie Niermeyer in intensiver Erinnerung –, ist Horatio und Hamlet zugleich. Mögliche Zweifel, ob das Doppelspiel gelingen kann, werden mit dem ersten Moment der zweistündigen Inszenierung mit nur vier Schauspielenden radikal vom Tisch gewischt.

Keine Stand-up-Comedy

Als Horatio ist Geyersbach immer auch schon oder noch Hamlet: Wie der Dänenprinz ringt sein engster Freund damit, ob er dessen Auftrag erfüllen kann. Nein, es geht nicht, er schafft es nicht. Doch, rufen ihm die drei lustigen Geister zu, die das Premierenpublikum mit allerlei Späßchen und kleinen Mitmachaktionen in beste Laune versetzen: Urs Peter Halter, Hale Richter und Emma Petzet, von Kostümbildnerin Sophie Reble in weiße lässige T-Shirts mit neckischen Löchern gesteckt, treten mit Entertainmentqualitäten gegen Hamlets düsteren Vatergeist an. Wenn sie schwören, dass alles geheim bleiben muss, dürfen die Zuschauer zu ihrer Freude mit schwören. Einer wird so davon in Stimmung versetzt, dass er fürderhin alles laut weglacht – auch in Szenen, die wahrlich nicht zum Erheitern gedacht sind. Ein grobes Missverständnis.

Denn „Hamlet“ ist keine Stand-up-Comedy, sondern ein ernster Fall. Dass die Geister bei allem Schabernack daran nichts ändern können, liegt an der fantastischen Nadine Geyersbach, die in Freiburg bisher weit unter ihren Möglichkeiten bleiben musste. Der Intensität ihres Spiels, das vor allem durch den expressiven Einsatz ihrer Hände und präzise Artikulation gekennzeichnet ist, kann und will man sich nicht entziehen. Im Interview mit der Badischen Zeitung verneigt sich die Regisseurin vor Shakespeare. Man spürt es. Bei aller Kürzung des Fünfakters bleibt sie stets in ihrer Schönheit und rätselhaften Fremdheit präsent. Wie Urs Peter Halter – auch er gehörte unter Niermeyer zum Freiburger Ensemble – die ganze abgründige Verlogenheit des König Claudius in einen gefährlich leisen Ton fasst: Das fesselt mehr als jedes Gebrüll.

Team Horatio

Hamlet hat allen Grund dazu, den Onkel, der seinen Vater heimtückisch ermordet hat, zu hassen. Und seine Mutter, die Hale Richter mit einer ominösen Nazi-Blondhaarperücke und einem knappen roten Minikleid mit der Aufschrift „Sit By Me“ gibt, gleich dazu. Doch – wir wissen es – zur Rachetat kann er so wenig schreiten wie Ophelia (Emma Petzet) lieben. Nadine Geyersbach geißelt sich dafür als „Witzfigur“. Die Lösung: ein Spiel im Spiel, hier als die bekannte Zaubernummer mit der zersägten Frau inszeniert. Eine dröhnende Motorsäge mit der Aufschrift „HAM“ und „LET“ kommt ins Spiel. Claudius liegt in der Holzkistenfalle, wird buchstäblich kleingemacht und bekennt in hilfloser Lage seine Schuld.

Emma Petzet sitzt auf der Bühne im Halbschatten und schaut resigniert nach vorn.

Emma Petzet als Ophelia. Foto: Neven Allgeier

Auch Rosencrantz und Guildenstern versündigen sich – als Spione und Denunzianten Hamlets. So alert und witzig, dass das Duo Halter und Richter auch um Geyersbach herumtänzelt: Sie verfolgen ein hässliches und schmutziges Geschäft. Diese Doppelbödigkeit balanciert die Inszenierung bis zuletzt konsequent aus. Während ein grauer Vorhang nach dem anderen fällt und sich der Spielraum zunehmend erweitert, die Hamlet-Erzählung immer mehr gelingt und die Geister am Ende in lärmiger Partylaune in die Freiburger Nacht entfleuchen, bleibt ihr heilloser und gewalttätiger Kern doch präsent.

Dank der glanzvollen Leistung von Nadine Geyersbach, die im Jubel einen Extraapplaus verdient hätte. Auf welcher Seite sich die Regie sehen will, steht außer Frage: Auf den kollektiven T-Shirts steht „Horatio“ – nicht „Hamlet“. Erzählen hilft. Im Theater sowieso.