Johanna Dähler, Simon Labhart und Maren Ktaus (v.l.n.r.) in „Angst oder Hase“
Schauspiel,

Wie Angst fliegen lässt

Julia Haenni: Angst oder Hase

Theater:Theater und Orchester Heidelberg, Premiere:24.04.2022 (UA)Regie:Natascha Kalmbach

Angst kann einen als Superkraft abheben lassen, oder? In der „theatralen Forschung mit der Schisshasen-Gang“ von der jungen Schweizer Autorin Julia Haenni als Auftragsarbeit für das Junge Theater Heidelberg können Johanna Dähler, Maren Kraus und Simon Labhart vor einer Wolkenwand „fliegen“. Mit bunten Kostümen (Ausstattung: Annette Wolf), die zwischen Trainings-, Piloten- und Superman-Outfit changieren und Plastikflügeln ausgestattet, „fliegen“ sie mit Hilfe einer Konstruktion aus zwei herabhängenden Zügen mit dazwischen montierten Fluggerüsten. Aber nach dem Hochgefühl kommt der Absturz: So harmonisch die drei beim Fliegen beieinander sind, um so härter eskaliert nach der Landung ein Streit – bis hin zum Mobbing.

Existenziell und ironisch gebrochen

Was die „Mut-Show“ von Julia Haenni so spannend macht, ist die enge Verbindung von jugendlichen Verhaltensweisen – man spürt die Recherche, die dem Stück vorangegangen ist – mit dem Schauspielerdasein. Während das Wolken-Video sich in ein Backstage-Abbildung verwandelt, hört Maren Kraus ein Geräusch unter der Zuschauertribüne, dass ihr Angst macht, aber die anderen beiden haben nichts gehört. Und so entsteht ein heftiger Streit, der damit endet, dass sie die Bühne verlässt, im weiteren Verlauf beinahe gefolgt von Simon Labhart. Alle drei gehen das überzeugend performativ an: Rolle und Schauspielerpersönlichkeit scheinen miteinander zu verschmelzen. Durch diesen Spielvorgang entsteht ein wunderbares Flirren: das Spiel erscheint existentiell, zugleich aber ironisch gebrochen und ganz leicht.

Produktive Ängste

Auch das Bildmaterial unterstützt die Selbstironie: In den Videos von Hanna Green wachsen in der Backstage-Abbildung grüne Pflanzen, immer größer, bis sie am Ende wieder schrumpfen. Sie sind visueller Kommentar dessen, was auf der Bühne geschieht. Die drei versöhnen sich wieder, das Geräusch unter der Zuschauertribüne hat sich als real erwiesen und zum guten Schluss werden alle möglichen Ängste, die Mensch haben kann, aufgezählt. Für das Gesamtbild dieser Aufführung fehlt noch eine Figur: Als Running Gag läuft Leon Wieferich in weißem Hasenvollkostüm immer wieder über die Bühne und versucht die Geschichte vom Menschen zu erzählen, der Angst vor weißen Hasen hat, aber auch vom Hasen, der Angst vor Menschen hat. Am Ende beteiligt sich auch Wieferich an der Aufzählung möglicher Ängste, die in diesem Spiel den Charakter des Mutmachens annehmen: Angst muss nicht lähmen, sondern kann auch sehr produktiv sein.

Der Regie von Natascha Kalmbach gelingt es nicht nur, die Spielfreude des Ensembles anzustacheln, sondern auch mit genauem Timing eine so unterhaltsame wie berührende Show voller Paradoxien zu entwickeln. Das macht Spaß, diesem Ensemble mit seinen komödiantischen Möglichkeiten zuzuschauen, allen voran die strahlende Maren Kraus, aber auch Johanna Dähler, Simon Labhart und Leon Wieferich.

Es gibt auch eine Schlusspointe, die sei hier aber nicht verraten.