Schon eher dem Familienwahnsinn zuordnen konnte man da Giacomo Puccinis Operneinakter „Gianni Schicci“, auch wenn dieser vor allem aus raffgierigen Verwandten eines just Verschiedenen besteht. Denen beschafft der Titelheld ein falsches Testament, das vor allem ihm selbst nutzt. Man hatte die Inszenierung aus einem Doppelabend mit Ruggero Leoncavallos „König Ödipus“ herausgelöst als den vermeintlich komischeren Teil der Doppel-Inszenierung von Holger Potocki (siehe oben der Link zur Kritik). Doch Heiterkeit mochte bei diesem Operneinakter kaum aufkommen, zeigte aber die wichtigste Richtung des Spektakels: Vor allem heiter und konsumierbar sollte es sein. Also wenn schon Familien-Wahn-Sinn, dann mehr Wahn als Sinn, eher das skurrile Scheitern als die Normalität (so es die gibt).
Darauf zielte auch Renat Saffiulins Inszenierung von „Hund, Frau Mann“ auf der Studiobühne. Sibylle Bergs böses Stückchen darüber, wie man Beziehungsgespräche über eine Nicht-Beziehung führt, wird hier aufgemischt mit viel Musik zum Spektakel vergeblicher Liebesmüh‘. Vor drei großen Chagall-Gemälden (hinter denen immer mal wieder zwei Gogo-Girls erscheinen) sprechen Hund (Boris Schwiebert), Frau (Sophie Lüpfert) und Mann (Michael Heuser) ihren Beziehungsfrust in Mikrofone, sie gibt die Bewegt-Verzweifelte, er den abgeklärten Zyniker. Die ewig gleichen, vorhersehbaren Gesprächsverläufe werden durchdekliniert, bis der Hund jault oder die nächste Musiknummer ansteht. Das Stück ist dann vermutlich der Familien-Wahn-Sinn, der hätte entstehen können, wenn die beiden „Übriggebliebenen“ sich getraut hätten. Doch Bergs gepflegte Bösartigkeiten werden immer schnell in Musik getaucht.
Einen anderen Weg ging Schauspieldirektor Peter Kube, der Roland Topors Komödie (wieder eine!) „Ein Winter unterm Tisch“ auf der Studiobühne inszenierte. Leise und melancholisch geht es da zu, wenn Florence (Julia Vincze) ihrem Untermieter Drago (Matthias Henkel) einen „Tisch über dem Kopf“ bietet und man sich langsam näherkommt. Ein vorsichtig verliebter Blick von ihm, ein verschämtes Erröten über ein Kompliment bei ihr, in kurzen, ein- und ausgeblendeten Alltagsszenen versuchen da zwei scheue Menschen, etwas unbeholfen, ihre Gefühle zugleich zu entdecken und zu verstecken. Bis Dragos lauter Cousin in die vorsichtige Zweisamkeit einbricht und es bis zum angedeuteten Happy End noch etliche Umwege braucht. Doch auch diese überzeugende, anrührende Inszenierung will nicht so recht ins Spektakel-Konzept passen. Zu den „Irrtümern“ ist sie kaum zu rechnen, und bis zwischen den beiden vorsichtig Verliebten der „Familien-Wahn-Sinn“ ausbrechen könnte, wäre es noch ein langer Weg, den Topors Stück aber nicht erzählt. Dem ganzen Auftakt-Spektakel aber hätte mehr solcher Nachdenklichkeit, mehr solcher Substanz gutgetan.
