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Musiktheater,

Wer ist hier wild?

Mauricio Kagel: Mare Nostrum

Theater:Bayerische Staatsoper, Regie:Frauke MeyerMusikalische Leitung:Richard Whilds

Wer ist hier eigentlich der Wilde und wer der Kolonialist? Wer dominiert in Kagels instrumentalem Theater über „Entdeckung, Befriedung und Konversion des Mittelmeerraumes durch einen Stamm aus Amazonien“, uraufgeführt 1975 und auch heute noch erstaunlich frisch, eigentlich wen? Erleben wir gerade eine zweite Eroberung, oder nur die behauptete Rache der Eingeborenen, oder beides gleichzeitig oder doch nur ein theatralisch-vokal-instrumentales Experiment?

Da sitzt links barfuß und schwarz gekleidet über behaarter Brust mit zotteliger Frisur der Erzähler, der auch Bariton singt (Christian Miedl ist dafür der richtige singende Schauspieler, der auch pontiert sprechen kann); rechts dagegen thront der Countertenor (in allen Registern prächtig fabulierend: Vasily Koroshev) im weißen Anzug mit Weste und teuren brauen Schuhen. Er freilich verkörpert immer wieder die Eingeborenen, geifert und girrt, lacht und wimmert, stolziert oder versteckt sich ängstlich. Sein Gegenüber aber berichtet – ebenfalls erhöht sitzend und nur selten die „Spielfläche“ betretend – in verballhornt schrägem, wortspielenden Deutsch à la Ernst Jandl (das wie die Musik und das theatrale Arrangement natürlich von Kagel selbst stammt) von den verschiedenen einstigen Eroberungen und dem, was dann daraus wurde. Schon zum Einlass erwürgt er nach innig zärtlicher Umarmung seinen Widersacher. Und er tut es, nun quälend realistisch, am Ende ein allerletztes Mal; dann ein gequälter (Befreiungs-)Brunftschrei und Blackout in der Reithalle an der Heßstraße. Dort sind auch dieses Jahr wieder die drei kleinen Musiktheater-Produktionen der Festspielwerkstatt beheimatet: Nach „Mauerschau“ und „Mare nostrum“ folgt Ende des Monats noch „Tonguecat“.

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Vieles lässt Kagel wohl bewusst offen und spielt mit der Wahrnehmung des Zuhörers und Zuschauers, während wir sprachlich und musikalisch durch die Länder spazieren, die ans Mittelmeer (von den Römern „Mare Nostrum“ genannt) grenzen: Also wird französisch parliert, auf Latein und auf Griechisch; Mozarts „Türkischer Marsch“ und seine Entführung sind sarkastisch ausgewalzte Folie für die Eroberung türkischen Terrains. Aber vielleicht ist in Kagels „instrumentalem Theater“ noch viel wichtiger, was die sieben Musikerinnen und Musiker des Bayerischen Staatsorchesters, sicher geleitet von Richard Whilds auf Flöte (Piccolo oder Altflöte), Oboe (oder Englischhorn), Harfe, Gitarre (oder Mandoline oder Laute), Cello und die beiden Schlagzeuger so alles manchmal ganz sparsam solistisch und doch eminent farbig klanglich imaginieren; auch was die beiden Protagonisten dutzendweise zum Laute Erzeugen, zum Hineinblasen, Rätschen, Peitschen und Knallen verwenden. Ein Akkordeon ist davon noch das Traditionellste und ein Erkencho das Exotischste und Schönste: ein geschwungenes, schwarzes Ochsenhorn aus Südamerika.

Leider gibt es in Frauke Meyers Inszenierung kein Mittelmeer, dessen Wasser sich im Lauf des 70-minütigen Abends langsam verschmutzt, wie von Kagel ausdrücklich vorgeschrieben. Und auch die Lichtregie beschränkt sich auf ein paar schmerzhafte Blitze beim Gewitter, während fast den ganzen Abend links und rechts hinter den Protagonisten die Augen des Gegenübers im Großformat blinzeln oder die Kamera die Arena von oben beobachtet. Das bekommt beim Bauchtanz zu Musik à la Salome des halbnackten Countertenors, der geil in die Kamera züngelt, etwas herrlich Derb-Lüsternes.

Statt das Wasser zu kontaminieren, müllt der Countertenor den Sandstrand, um den die Instrumentalisten sitzen, allmählich mit roten Rettungswesten zu (Ausstatung: Linda Sollacher). Und wir dürfen natürlich sowohl an die aktuelle Flüchlingsproblematik denken wie an Ai Wei Weis darauf Bezug nehmende Aktion im Februar in Berlin, als er die Säulen am Konzerthaus mit entsprechenden Westen verhüllte. Das sah auf die Ferne so aus, als wären es die Portikus-Säulen der Bayerischen Staatsoper.

Doch statt das Stück dadurch assoziationsreicher zu machen, schränkt diese Aktualisierung die Vieldeutigkeit des Kagelschen Kosmos, der szenisch durchaus der Erklärung bedürfte und sie verdiente, allzu sehr ein. Selbst nach zweimaligem Erleben bleibt man da immer noch etwas ratlos zurück.