Und dieses partizipative Konzept ist zunächst so simpel wie wirkungsvoll: Der Weg führt uns in das Glitzern der Einkaufs-Welt von Dortmund. Wir alle sind Auserwählte, so der Rahmen der Geschichte, und befinden uns kurz vor der Ausreise. Vorher gilt es jedoch, Aufgaben zu erfüllen: sich von der Gruppe absetzen, konsumieren, mitschwimmen im Strom der von Geschäft zu Geschäft pilgernden Massen. Mehrfach fällt das Stichwort Kristallpalast, zu verstehen als Hinweis auf die sozialphilosophische Kristallpalast-Methapher Fjodor Dostojeskis. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts packte den Russen der Ekel, als er den Chrystal Palace in London erblickte. Für ihn symbolisierte dieses Gebäude das kapitalistische Gehäuse der Gesellschaft, wie es später wiederum Peter Sloterdijk in einer Globalisierungstheorie beschreibt. Zwischen bombastischen Weihnachtsbaumkugeln und halb sexy, halb tot wirkenden Schaufensterpuppen kann einem heute erst recht schlecht werden. Abertausende Konsumgüter überwinden auf globalen Wegen tagtäglich problemlos die Grenzen, während sich den Menschen eine Hürde nach der anderen stellt.
Wer Einwanderer nicht nur als neue Konsumenten, sondern auch als Veränderer unserer Gesellschaft sehen möchte, dem empfiehlt sich der Einblick in ihre Perspektive. Daher folgt auch in diesem Spiel nun der dramaturgisch logische Kurswechsel (eine Stunde Weihnachtsgeschäftewahnsinn reicht auch). Im fensterlosen Auto sitzend, werden wir ins Unbekannte gefahren. Die Ausreise? David Guy Kono alias Monsieur K., stark französischer Dialekt, öffnet die Tür, präsentiert sich als „unser Schlepper“. Bitte kein Betroffenheitstheater jetzt! Doch Monsieur K. handelt im grell leuchtenden Anzug (Ausstattung: Clara Hedwig) eher als Showmaster. Die wild gestikulierten Geschichten über sein Herkunftsland Kamerun fordern inmitten einer industriellen Wasserkulisse unsere Phantasie ein. Ihm zuzusehen und zuzuhören macht Spaß, auch wenn wegen der schwierigen akustischen Verhältnisse sicher manches auf der Strecke bleibt. In einem schnöden Kellerraum vollzieht er ein kultisches Totenritual (mit unseren persönlichen Daten, die wir preisgeben mussten), fragt uns ganz konkret, wie wir zusammen leben wollen. Doch unsere Antworten verpuffen: den Toten gefallen sie nicht, die Zeit drängt, wir müssen weiter. Und nun? Auf den letzten Metern werden Texteinspielung und Setting stark assoziativ bis undurchdringlich. Im Auto (oder ist es doch ein Schiff?) fahren wir, bewegte Höllenbilder (Video: Nils Voges) auf einem Display betrachtend, bis unsere Reise relativ jäh endet.
„Das Glitzern der Welt“ möchte offenbar keine Antworten geben, vielmehr Fragen stellen. Das gelingt auch überwiegend schlüssig, berückend, durchscheinend. Mittels der Zuschauerpartizipation wird (abgesehen vom Wirkungsverlust durch manche technische Kniffligkeit während der Presse-Voraufführung, die eher eine Probe war) die Selbstreflexion der Teilnehmer sicherlich befeuert. Anregend ist das Format, die verhandelten Inhalte bringen derweil nicht unbedingt einen Erkenntnisgewinn. Wie sangen Die Goldenen Zitronen schon 2006: „Über euer scheiß Mittelmeer käm’ ich, wenn ich ein Turnschuh wär. Oder als Flachbild-Scheiß – ich hätte wenigstens einen Preis.“
