Eine weitere Hauptrolle spielt Berlin – als Liebes- und Hasserklärung, wie es Salzmann gemeint hat, als sie das Stück aus der Distanz in Istanbul geschrieben hat. Grau, kalt, unfreundlich, depressiv, selbstgerecht, „schon lange nicht mehr sexy, sondern einfach nur dumm und einsam“ charakterisierte sie die Stadt, „in der ihr vögelt und sauft und glaubt, das ist der Weltschmerz, dabei sind das nur eure eigenen unerfüllten Zuckungen vom besseren Leben.“ Ein vielstimmiger Chor der Darsteller bringt Berlin zu Gehör, feiert dieses angeblich brodelkesselige Mit- und Nebeneinander, das metropolitane anything goes. Hebt aber auch zur Publikumsbeschimpfung an. „Berlin-Mitte“, stöhnen die Darsteller beim Blick auf die Outfits im Publikum. Später werden politisch brutal unkorrekte Witze über Schwarze, Juden, Schwule, Frauen und so weiter vorgetragen, die ihre Pointen aus klischeehaften Zuschreibungen herleiten. Wer nun also lacht, soll seine Vorurteile bemerken. Ein landauf, landab ja ziemlich abgenutzter Regieeinfall – der sonst immer so überwältigend frischwärts inszenierenden Grube. Auch im Finale gelingt ihr nicht der schmerzhaft komische Versuch, jüdische Russen, moslemische Kurden, christliche Amerikaner als allesamt Deutsche zum Weihnachtsessen mit einem Engel zu versammeln. Zu erleben ist eher die sprachlos blasse Parodie einer Zwangsidylle. Aus den Figuren, Szenen, kulturellen Prägungen frisiert Grube keinen strähnchenbunt schillernden Zopf – nur einen ausgebleicht grauen Wuschelstrubbelabend.
