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Was bleibt, stiften die Dichter

Ensembleprojekt nach Hölderlin: Pallaksch. Die Hölderlinnacht

CrossoverPremiere: Theater: Staatstheater Stuttgart
Foto: Stuttgarter Ballett   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Hartmut Regitz am 18.07.2021

Warum Hölderlin ausgerechnet in Stuttgart? Schließlich existiert doch in Tübingen mit dem Hölderlinturm noch heute eine Stätte, an dem die Erinnerungen schier zum Greifen sind. Stuttgart dagegen war für Friedrich Hölderlin eher eine Durchgangsstation, wenngleich auch stets eine Möglichkeit innezuhalten. Ein Ort der Besinnung, wenn nicht gar der Wendepunkt auf seinen Wanderungen, der eine Abschlussveranstaltung des Hölderlinjahres 2020/21 in vielerlei Hinsicht rechtfertigt. Die Staatstheater Stuttgart veranstalten sie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und dem städtischen Literaturhaus unter dem Titel „Pallaksch. Die Hölderlinnacht“ als eine Spurensuche im Hier und Heute unterschiedlicher Künste.

Den Anfang macht das Stuttgarter Ballett mit einer Uraufführung. „Was Bleibet“ nennt Alessandro Giaquinto seinen Beitrag, zu dem ihn einige seiner Gedichte inspiriert haben: keine Kreation, die den Lebensweg des Dichters in irgendeiner Weise nachzeichnet, sondern ein Stück, das letztlich eher ein Griechenland mit vielen Sohlen sucht. Ein tönernes Gefäß steht auf der Bühne, zunächst noch unter der Toga eines Tänzers verborgen. Es steht für den Dichter, so der junge Choreograf, vielmehr für das, was von ihm geblieben ist. Assoziativ sind einzelne Verse zu hören, man ahnt das Kratzen eines Federkiels. Kaum erklingt Klaviermusik von Robert Schumann, geben die fünf Solisten ihren Gedanken einen Körper. Expressiv sind alle Gesten, vielsagend virtuos in ihrer Bedeutung. Immer wieder fassen sie an die Lippen. Vornübergebeugt, kämpfen sie sich aus dem Dunkel zurück in das Gesichtsfeld der Zuschauer. Leichtfüßig ist das alles nicht, gedankenschwer wirken alle Bewegungen. Und fast schon zu symbolkräftig, wenn sich am Ende der Inhalt des Kruges über Friedemann Vogel ergießt, als wäre die Schwärze die Erinnerung.

Vertieft wird der getanzte Eindruck in der anschließenden Autorenrunde leider nicht. Vielmehr kreist die lebhafte Diskussion, abwechselnd moderiert von Jan Bürger (Deutsches Literaturarchiv) und der Frankfurter Kritikerin Beate Tröger, eher um literarische Fragen, vor allem aber um die nicht nachlassende Inspirationskraft des Dichters, die sich in dieser einmaligen „Hölderlinnacht“ gleich sechshaft beweist: Ferdinand Schmalz vertieft sich via Videobotschaft in das „Aorgische in Wien“. Jan Wagner sinniert über „hölderlins quitte“ oder macht aus „Belladonna, Digitalis“, Arzneien unter denen Hölderlin bei seinem Klinikaufenthalt zu leiden hatte, ein Gedicht in Form eines Anagramms. Monika Rinck wiederum gelingt mit ihrem Beitrag fast so was wie performative Poesie, während Dagmar Kraus aus dem Wortspiel Hoelderlin = Hirondelle ein Sprachkunstwerk der aberwitzigen Art herausarbeitet. Torch alias Frederik Hahn gibt sich hintergründig erheiternd, die Rapperin Lady Bitch Ray fragt, per Video zugeschaltet: „Sind wir nicht alle ein bisschen Hölderlin?“ Das ist auch Senthuran Varatharajah, der, erkrankt, nicht an der Veranstaltung teilnehmen kann: Wörter schwärzend, lässt sich Hölderlins „Friedensfeier“ auf einmal ganz anders lesen. Aber darauf verweist übrigens auch schon der Titel der Veranstaltung. „Pallaksch“, ein Wahn-Wort des kranken Dichters, kann schließlich beides bedeuten: ja oder nein.

Musikalisch geht es im „Teil Zwei“ erst mit zwei Liedern von Detlev Müller Siemens, später mit dreien von Hauke Berheide weiter – die einen von Esther Dierkes, die anderen von Carina Schmieger ganz wunderbar, wenn auch nicht unbedingt immer wortverständlich gesungen. Dazwischen eingestreut in eine zweite Diskussionsrunde immer wieder ein O-Ton Hölderlin, vortragen von Anne-Marie Lux, Anke Schubert, Felix Strobel und Elmar Roloff vom Schauspiel Stuttgart: quasi als Demonstration, dass das „Hölderlinisch“ erst gesprochen seine ganze Eigenart, Musikalität und sein rhythmisches Gefüge offenbart.

„Was aber bleibet, stiften die Dichter“, sagt Hölderlin. Das Ballett von Alessandro Giaquinto wird sicher mal wieder in einem anderen Zusammenhang auftauchen. Und die Texte zu „Pallaksch“ finden sich, kunstvoll ediert, in der Schriftenreihe „Ferne Spuren“ des Deutschen Literaturarchivs.

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