Edgar Hilsenraths komplexer 640-Seiten-Roman, der den Ton eines orientalischen Märchens imitiert, bietet sich nicht unbedingt an für die Bühne. Bis zur Pause des zweieinhalbstündigen Abends fragte man sich, ob nicht einmal mehr der Fall einer vorauseilenden Skandalisierung vorliegen könnte. Denn erzählt wird rückblickend vor allem die Familiengeschichte des in Zürich 1989 im Sterben liegenden Thovma Khatisian, der nie wußte, wer sein Vater war. Dazu holt die Inszenierung weit aus und nähert sich dabei den Riten und Ritualen eines armenischen Dorfs, in das die Politik zunächst nur von fern hereinspielt – jedenfalls in Portmanns Fassung in Theresa Katharina Binders grau gekacheltem Einheitsraum. Andre Peter Rohde trägt als Thovmas Vater Wartan armenische Buchstaben auf dem nackten Oberkörper. Sein Heranwachsen steht im Zentrum des Stücks: die Berufswahl – Dichter – beim „Schekerli-Fest“, seine erste Hochzeit mit Arpine (Alissa Snagowski), ihr Tod während der Schwangerschaft, die Auswanderung nach Amerika, die zweite Heirat mit der aus einem verbrannten Haus nach einem Massaker geretteten Anahit (Friederike Pöschel). Statisch vorgetragen in einem recht mühsamen, archaisierenden Duktus, wird diese Geschichte nur einmal unterbrochen: durch einen historischen Schlenker zu deutschen Stimmen aus Generalität und Politik, die beschämend herumreden um die deutsche Mitverantwortung beim ersten Genozid des 20. Jahrhunderts.
Und dann ist die Erzählung endlich angelangt bei der Schilderung jener allen Völkermorden gemeinsamen Methoden der Grausamkeit: Sündenbock-Propaganda, Herabwürdigung zum Untermenschen, Säuberungswahn, unvorstellbare Gräueltaten. Dass auf den Mord an den Armeniern der an den Juden folgte, wird in der letzten Szene offenbar, die sich „Auschwitz 1944“ zuträgt: Die Seelen eines Türken und eines Armeniers steigen im Rauch der Öfen gen Himmel. Diese Engführung dürfte den Holoaust-Überlebenden Hilsenrath besonders interessiert haben. Das Konstanzer Ensemble schlägt sich mit dem in der kargen Bühnenfassung mitunter spröden „Märchen“ wacker, auch wenn manchmal der Eindruck aufkommt, einer szenischen Lesung zu folgen. Zum politischen Aufreger taugt Portmanns Inszenierung jedenfalls keineswegs. Vielleicht kommt das angekündigte Beiprogramm der Frage näher, warum sich die Türkei fast 100 Jahre nach der Tötung von mindestens einer halben Million Armeniern immer noch so schwer tut, sich dieser dunklen Seite ihrer Geschichte zu stellen.
