Berthold Toetzke und Julianna Herzberg in Nach mir die Sinftlut am Theater Aalen.
Schauspiel,

Verwischt

Lluisa Cunillé: Nach mir die Sintflut

Theater:Theater Aalen, Premiere:30.03.2012 (DSE)Regie:Jürgen Bosse

Whisky vernebelt die Spur der Erinnerung. Ein Geschäftsmann sitzt in seinem Hotelzimmer in Kinshasa. Dort besucht ihn eine europäische Übersetzerin. Sie schlägt ihm ein Geschäft vor und konfrontiert ihn schließlich mit dem Wunsch eines alten Mannes, seinen Sohn mit nach Europa zu nehmen. Die große Kluft zwischen Afrika und dem vermeintlich „gelobten Kontinent“ untersucht die ka-talanische Autorin Lluisa Cunillé in ihrem Stück „Nach mir die Sintflut“. Jürgen Bosse hat die deutschsprachige Erstaufführung am Theater der Stadt Aalen inszeniert. Mit den Schauspielern Julianna Herzberg und Berthold Toetzke gelingt dem Altmeister ein kompaktes und auf den ersten Blick stimmiges Kammer-spiel. Zu sehr bleibt die Inszenierung jedoch in Bosses realistischem Ansatz verhaftet. Blitzschnelle Gedankensprünge und Perspektivenwechsel, die den Reiz von Cunillés Stücken ausmachen, gehen dabei unter.

„Nach mir die Sintflut“ sagte Joseph-Désiré Mobutu, der Diktator von Zaire, als ihn ein Staatsstreich zum Verlassen des Landes zwang. Die grausame Arroganz des Despoten, der seine Landsleute in ständiger Angst hielt, beschäftigt die langjährige Hausautorin des Teatre Lliure in Barcelona. Durch die Augen zweier Europäer betrachtet sie das Leben und das Leiden der Menschen auf dem afrikanischen Kontinent. Ana Tasic hat auf der Bühne ein schlichtes Designer-Hotelzimmer eingerichtet, das mit Jalousien verschlossen ist. In dieser künstlichen Welt bewegen sich die Schauspieler.

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Aus dem leichten Geplänkel zweier Geschäftsleute entwickeln Herzberg und Toetzke intensive Dialoge. Ihre Kommunikation hat auch eine erotische Kom-ponente, die beide meisterhaft auskosten. Der betagte Manager und die Überset-zerin liefen sich starke Rededuelle. In die Tiefenschichten des Textes dringen sie nur selten vor. Lange, fast dokumentarische Passagen wechseln sich in Thomas Sauerteigs dynamischer Übersetzung ab mit stillen Momenten. Das Ungesagte übertönt vor allem Berthold Toetzke, der ein dunkles Geheimnis erfährt.

Obwohl Bosse das dialogbetonte Stück stark und spannend in Szene setzt, verwischt sein Ansatz die psychologische Komponente, die seine besondere Qualtät ausmacht. Wenn Julianna Herzberg vom Leben afrikanischer Kindersoldaten erzählt, gehen diese Fakten in jedem einzelnen Augenblick unter die Haut. Cunillés Ansatz aber bleibt an diesem Punkt nicht stehen. Mit einer komplex gewebten Dramaturgie zeigt sie Figuren, die am Abgrund taumeln. Die Aalener Schauspieler klammern sich zu sehr an den Tatsachen fest, als dass sie Angst und Schrecken des Lebens in einer Diktatur in letzter Konsequenz spiegeln könnten.