Und da sind Regisseur Jochen Gehle und seine beiden starken Hauptdarsteller ganz schnell auf dem Punkt: Der Sohn muss die Prüfungen schaffen, Karriere machen, gar ein zweiter Picasso werden. Denn auf nichts anderes können sich die Eltern noch einigen. Mal plappert Di, dann spuckt David verächtlich Worte aus, da ist jede Menge Spannung, Reibung und Heuchelei im Spiel. Sie vertuschen, verheimlichen, reden über die Exfreundin wie ein mieser Verteidiger in einem Vergewaltigungsprozess, trauen sich nicht, mit dem eigenen Sohn zu sprechen, er könnte ja die – unpassende, weil karrierehemmende – Wahrheit sagen.
Das ist nun allerdings etwas anderes als ein „erschreckend komisches Drama über das digitale Zeitalter“, wie The Guardian über James Fritz‚ Stück schrieb. Natürlich geht es um ein Vergewaltigungsvideo, von allen im Netz begafft. Und wichtiger als die Tat scheint zu sein, wer sie hochgeladen hat. Darum dreht sich zwar einiges, Mutter Di versucht verzweifelt, auch dafür einen anderen Schuldigen als ihren Sohn zu finden. Die Inszenierung versucht das auch bildhaft zu machen: Auf einer großen Leinwand werden die Akteure etwas wacklig abgefilmt, vergrößert und verfremdet (Video: Max Kupfer). „Kameramann“ ist der Schauspieler Daniel Schmidt, der später in die Rolle von Jacks Kumpel Nick schlüpft, der verzweifelt in Cara, die Exfreundin, verliebt ist. Doch auch die interessiert Autor James Fritz nicht so richtig, ihr bleiben einige episodenhafte Auftritte, die Alice Katharina Schmidt beeindruckend zwischen Trotz, Abwehr der Opferrolle, Demütigung und Coolness gestaltet. Auch einen Porno-Blog dieser Cara, der in der Vergewaltigung geendet haben soll, spielt sie souverän.
Doch der Mittelpunkt des hundertminütigen Abends bleiben die Eltern. Wie sie krampfhaft am Bilderalbum aus Jacks Kindheit festhalten, die Wahrheit scheuen und Ausflüchte suchen, lieber an ihre eigenen erotischen Fotos aus dem weiland Brighton-Urlaub als an das Video des Sohnes denken. Dazwischen lässt Jochen Gehle immer wieder rockige, melancholische Songs einschneiden, einmal auch zartes Klavierspiel. Doch er bleibt hartnäckig bei diesem Elternpaar, das sich nichts mehr zu sagen hat, nur noch die gemeinsame Marschrichtung formuliert: „Die lügt, unser Sohn ist toll.“ Das geht hin und her zwischen Taktik, Verzweiflung und einem sehr zweifelhaften (Frauen-)Bild von Cara, die nur schuldig sein kann. Der bietet die Mutter schließlich an, ihr, Caras Vater und Bruder den eigenen Sohn zu überlassen, für das, was nötig ist. 20 Minuten lang für „4 Min 12 Sek“. Doch die entgegnet: Gerechtigkeit heiße für sie doch nur, nicht mehr nachzudenken. Starkes Ende eines starken Abends.
