Die Stuttgarter Produktion ist grandioses Ensembletheater. Acht der zehn musikalisch wie darstellerisch präsenten Akteure sind Mitglieder des Hauses. Die Gäste Melanie Diener als divenhafte, hochdramatische Sängerin und die Mezzosopranistin Kora Pavelic fügen sich nahtlos in diesen Reigen. Den eigentlichen Geschlechtsakt hat Arthur Schnitzler im Text mit drei Pünktchen nur angedeutet. Boesmans dreistündige Oper füllt diese Leerstelle mit oft ganz lyrischer, schwebender Musik, die den Figuren doch ein wenig Emotionen lässt. Fast kann man an die Liebe zwischen der jungen Frau (Rebecca von Lipinski) und dem Gatten (Shigeo Ishino) glauben, ehe sich die Gattin doch verdächtigt macht, als sie ihn nach vollendetem Ehevollzug mit dem falschen Vornamen anspricht. Tücken hat auch das Treffen zwischen dem jungen Mann in Safarihemd und Shorts (Sebastian Kohlhepp) und dem Stubenmädchen (Stine Marie Fischer), bei dem die sirrenden Mücken, dargestellt von am Steg gespielten Streichertremoli, mehr Energie entfalten als die schlaffen Liebenden. In der nächsten Szene findet sich Kohlhepp in einer loriotesken Sitzgruppe wieder und kämpft mit Schaumstoff-Kissen um die richtige Stellung und eine adäquate Erektion. Als sich das verknotete Kissen schließlich erhebt und die Trompeten dazu den Bachchoral „Was Gott tut, das ist wohl getan“ schmettern, ist das kurze Glück perfekt, ehe sich das nächste Liebesdesaster anbahnt.
