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Verführer im Selbstgespräch

Johann Strauss / Ralph Benatzky: Casanova

MusiktheaterPremiere: Theater: Staatsoperette Dresden
Regie: Sabine Hartmannshenn  Musikalische Leitung: Christian Garbosnik   Foto: PAWEL SOSNOWSKI   
Infos und Fotos auf der Homepage des Theaters
Von Joachim Lange am 19.06.2022

Es gibt neben der „Fledermaus“, der „Nacht in Venedig“ und dem „Zigeunerbaron“ noch etliche, heute nahezu unbekannte Titel von Johann Strauss (1825-1899) – Operettenkönig hin oder her. Einen „Casanova“ findet man aber unter den 15 Werken nicht. Und doch hatte dieses Werk nun an der Staatsoperette in Dresden Premiere. Dank des Wiederentdecker-Blickes der Staatsoperette Dresden auf die Berliner Revue-Bühnen der späten 20er-Jahre sieht das inzwischen ganz anders aus. Nach Mischa Spolianskys „Zwei Krawatten“ kam an der Elbe die vom Weißen-Rössl-Komponisten Ralph Benatzky (1884-1957) für die Bühne bearbeitete Revue-Operette mit dem Namen des berühmten Verführers und zur Musik vom Wiener Walzerkönig auf die fulminante Revuetreppen-Drehbühne des Hauses – eine Art Pasticcio.

Sabine Hartmannshenn (Regie), Lukas Kretschmer, Edith Kollath (Bühne und Kostüme) und Jörn-Felix Alt (Choreografie) haben sich der Herausforderung gestellt. Die Regisseurin hatte sich in Sachsen mit dem Wagner-Blockbuster „Siegfried“ einen Namen im weiblichen Ring-Regiequartett am Theater Chemnitz gemacht. Und sie nimmt natürlich auch die Revue-Operette nicht als platten Jux, sondern „richtig“ ernst. Sie macht ihren „Casanova“ zu einem Teil jener nachhaltigen inhaltlichen Legitimation eines eigenständigen Operettentheaters, jenseits einer bloßen Wiederholung von bekannten Publikumslieblingen. Ein Anspruch, der zu dem immer noch neuen Bau im alten Industrieambiente des Kraftwerks Mitte ganz gut passt.

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Das eingespielten Hausensemble aus genreerfahrenen Protagonisten, Ballett und Orchester hatten natürlich mit Johann Strauss und Ralph Benatzky nicht nur zwei tote, sondern zwei todsichere Komponisten beziehungsweise Bühnenkönner auf ihrer Seite. Wie ein gut gemachtes Einzelstück sitzt jede Nummer in den sieben Bildern. Alles, was von Strauss kommt und bei Christian Garbosnik und seinen Musikern danach klingt, sowieso. Aber auch die Stücke, hinter dem Benatzky zu erkennen ist, lässt keine Wünsche offen inklusive der augenzwinkernden Zitate aus dem „Rössl“. Da grüßt die Kaiserin Maria Theresia wörtlich so jovial wie Kaiser Franz Josef bei seinem Abstecher an den Wolfgangsee. Benatzky bedient sich aber vor allem an der Hinterlassenschaft von Strauss, von der Pizzicato-Polka oder den Geschichten aus dem Wiener Wald bis hin zu seinen eher unbekannteren Operetten.

Kritischer Blick auf Casanova

Natürlich geht es bei dem Lebenslauf, der hier unter die Lupe genommen wird, weder ohne Gondel (aus dem Schnürboden direkt auf die Revuetreppe), noch entsprechendes musikalisches Ambiente. Der walzende Nonnenchor oder der veralberte Auftritt der Keuschheitskommission (Maria Theresia meinte das ernst!) sind genauso musikalische Schmankerl, wie die Parodie preußischer Marschmusik vorm Potsdamer Schloss Friedrich II. dessen Kadetten Casanova weltmännischen Schliff verpassen sollen. Es ist auch heute ein musikalisches Vergnügen, was da in der bewegten Zeit irgendwo zwischen Endphase der Operette und vor dem Aufkommen des Musicals 1928 für Eric Charells Großes Schauspielhaus in Berlin noch einmal aus bewährten musikalischen- und Handlungsversatzstücke als ganz große Show aufgemischt und mit unglaublichem Aufwand auf die Bühne gewuchtet wurde.

Es liegt auf der Hand, dass die Bilder Episoden aus Casanovas Biografie folgen – dreimal Venedig, und dazwischen das spanische Tarragona, Wien, Potsdam und das böhmische Dux. Zum Finale ist die Regie gnädig mit ihrem Helden: Im bunten Treiben des Karnevals zu versinken, wäre dem historischen, 1725 in Venedig geborenen Casanova wohl lieber gewesen, als 1798 in Einsamkeit im böhmischen Dux zu sterben.

Verdient hat sich die Inszenierung das selbst durch die mitgelieferte Hinterfragung der Figur Casanova beziehungsweise die geistreiche Demontage des Casanova-Klischees. Oder des Selbstbildes eines Mannes, der sich über 200 Jahre nach dessen Tod auf die Überlieferung beruft, um Lebensgier, Gegenwartsverliebtheit und Bindungsunfähigkeit vor sich selbst zu rechtfertigen und nach außen vor den Frauen und allen Mitmenschen mit Charme zu überspielen. 

Das, was in den Dialogen Casanovas mit seinem Alter Ego, in den Texten von Judith Wiemers, hinzugefügt ist, kommt nämlich als leichtfüßig, treffsicherer Schlagabtausch wie in einer Boulevardkomödie mit Hintersinn daher. Peter Lewys Preston findet dafür als Alter Ego einen geistreichen Ton. Damit kann Matthias Störmer als Casanova nicht wirklich mithalten. Vokal ist er zwar überzeugend, wirkt aber mit seiner eher jungenhaften Erscheinung eher wie eine Verfremdung des mit Charisma, Charme und Erfahrung verführenden Liebhabers. Beide steigen von der Gegenwart aus immer wieder in die Geschichte ein, die Casanova als Verführer durch halb Europa treibt. Rechts vorn auf der Bühne trifft er in einem angedeuteten Apartment von heute immer wieder mit seinem Alter Ego zusammen. Dort werden all die Plattitüden, die er in der Szene davor gerade vom Stapel gelassen hat, hinterfragt.

Klare Bezüge zur Gegenwart

Die Inszenierung kommt aber nicht nur über diesen Umweg erstaunlicherweise treffsicher in der Gegenwart an, sondern kann auch an die selbstbewussten Frauenfiguren und mitunter etwas deppert daherkommenden Männer im Stück anknüpfen. Ob nun Christina Maria Fercher als Laura (die partout nicht ins spanische Kloster will und sich von Casanova befreien lässt, ohne von ihm verführt zu werden). Oder Jeannette Oswald als die von allen angehimmelte Barbarina, die sich selbst königlichen Wünschen selbstbewusst widersetzt oder sie nur widerwillig erfüllt. Und natürlich die grandios ins Bild gesetzte Ingeborg Schöpf als die inkognito mit Casanova plaudernde Kaiserin. Auch Dominica Herrero Gimeno als Tänzerin Dolores oder Steffi Lehmann als Gesandten-Gattin Helene – es ist allemal die Frage, wer es hier eigentlich auf wen abgesehen hat.

Die kühle, aber nicht unsinnliche Bühnen- und Kostümästhetik durchschaut sie quasi alle. Von den Reifröcken gibt es nur noch die „Gerippe“ – das ist subversiv und hat seinen Reiz. Unter den Männern jedenfalls muss sich Casanova nicht mal allzu sehr verausgaben, um sie mit bewährten Routine-Sprüchen, seinem Charme und seinem Ruf aus dem Feld zu schlagen, wenn er will. Ob nun Timo Schabel als als Lauras Verehrer Hohenfels. Oder Gerd Wiemer als Graf Dohna, dem ohnehin Friedrichs Kadetten mehr zusagen als seine Helene. Bis hin zum gemütlichen Dietrich Seydlitz als Operettenversion des Grafen Waldstein.

Die alten musikalischen Nummern und die neuen Texte, die Bühne und die Kostüme – das ist alles für sich genommen stimmig. Wenn man dennoch Mühe hat, sich an eine durchgängige Geschichte zu hängen, so liegt es wohl daran, dass eh mehr die Revue im Sinne der Erfinder lag und die erstmal an ihrer Wiedererkennbarkeit arbeiten muss. Schön, dass die Staatsoperette in Dresden genau da am Ball ist.

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