Mittelpunkt ist hier (auch) wörtlich aufzufassen. Das Publikum ist kreisförmig um ein Metallgerüst gruppiert, so, dass jeder Zuschauer zwei im 90-Grad-Winkel zueinander stehende Leinwände einsehen kann. Im Gerüst platziert ist der Sprecher, Sänger, Vokal- und Geräuscheerzeuger Phil Minton, der die poetischen, lose auf Gedanken von Peter Sloterdijk und Slavoj Zizek basierenden Texte von Paul Verrept brillant und expressiv in englischer Sprache vorträgt. Eng um ihn herum sitzt die Continuo-Gruppe des B’rock Orchestra, während sich die von Florian Helgath souverän geleiteten 18 Sänger des ChorWerk Ruhr durch den ganzen Raum des Salzlagers bewegen, mal singend im Gänsemarsch hinter dem Publikum vorbeiziehen, sich mal im ganzen Raum vereinzeln und immer wieder an verschiedenen Plätzen unterschiedlich zusammengesetzte Gruppen bilden. Sie singen Heinrich Schütz‘ frühbarocke Gesänge voll Gottvertrauen und Hilfesehnsucht genauso schwebend fein wie die seltsam spirituelle, hier uraufgeführte Komposition von Nikolaus Brass, die dem Projekt den Namen gab. Erodierende Cluster sind das, die zwischen Vokalise und Geräusch oszillieren, beunruhigen, aber nicht verletzen wollen.
Die Welt ist in der Krise. Punkt. Heißt es im Programmheft. Klimakrise, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Flüchtlingskrise und so weiter. Barentsburg wird als Symbolbild für all diese Krisen gesehen. Die Struktur des Theaterabends folgt einem fünfteiligen, der Psychologie abgelauschten Krisenbewältigungsschema, das sich in keinem Moment vermittelt. Was wir sehen, ist die Beschreibung und expressive Vertiefung einer mehr oder weniger homogenen Situation, deren Appellfunktion behauptet und zur Diskussion gestellt wird. Dennoch oder deshalb sind diese intensiven, wie im Flug vergehenden 75 Minuten der mit Abstand beste Beitrag zum Genre Musiktheater bei der diesjährigen Ruhrtriennale.
