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Musiktheater,

Verdi öffentlich-rechtlich

Giuseppe Verdi: Aida - ZDF-Fernsehübertragung der Aufführung in der Arena di Verona

Theater:Arena di Verona, Premiere:15.06.2013Regie:La Fura dels BausMusikalische Leitung:Omer Meir Wellber

200 Jahre Verdi! 100 Jahre Arena di Verona! Und nach langer Zeit mal wieder eine Opernübertragung im ZDF! Immerhin Sonntagabend um 22 Uhr, wo sonst Kommissarin Lund, Inspektor Barnaby und Genossen für hohe Quoten sorgen! Immerhin „Aida“ von La Fura dels Baus! Kulinarisches Musikfest mit zumindest einigen stimmlichen oder bildlichen Pralinees für den Connaisseur vor hochromantischer Kulisse? Ehrenwerter Versuch, ein Millionenpublikum für eine oft als elitär verschriene Kunstgattung zu begeistern?

Schon der genauere Blick ins Fernsehprogramm dämpft die Erwartungen. „Aida“ in hundert Minuten, weder live noch zeitversetzt. Zu Beginn flaniert der neue öffentlich-rechtliche Kulturpausenclown Rolando Villazon durch Verona, den Kopf in den Moderationskarten, und bramarbasiert charmant über die „Ursprünglichkeit“ der Oper in Verona: „Im Mittelpunkt steht das Volk!“ Hat er sich mal die Eintrittspreise angesehen? Außerdem handele es sich um ein „gigantisches Bühnenspektakel, was es so nirgendwo anders gibt!“, ergänzt dauerlächelnd Sidekick Nina Eichinger („Triumphmarsch? – Den kenne sogar ich!“). Omar Meir Wellber dirigiert süffig das kurze Vorspiel, expressiv und leicht vom Winde verweht. Die erste Szene fehlt unentschuldigt. Es kommt direkt „Celeste Aida“, gesungen von einem in jeder Hinsicht robusten, höhensicheren Tenor mit gebrülltem Schluss. Dann direkt Terzett. Zur Schwertweihe treibt eine Akrobatin Allotria am Vertikalseil und Statisten, die aussehen wie aus dem Kölner „Parsifal“ des gleichen Regieteams entflohene Gralsritter, tragen runde Beleuchtungskörper auf abgezirkelten Pfaden durchs Publikum. Wer dieser merkwürdige Glatzkopf mit dem Stab ist, erfährt man nicht, da auch die Untertitelung so sparsam wie eben möglich betrieben und das eigentliche Bühnengeschehen von den Kameras großenteils mit Nichtachtung gestraft wird. Die Stimmen wirken technisch zumindest leicht nachretuschiert und dem Bildregisseur ist die Angelegenheit so peinlich, dass er zwischendurch schon mal über das nächtliche Verona schwenkt.

Was die Inszenierung will, – will sie was? – versteht man nicht, da nur Effekte herausgezoomt werden und sich auf dem Fernsehschirm breit machen. Was man irgendwie vermisst, sind die Werbepausen.

Auch der zweite Akt kommt mühelos ohne Anfang aus. Dafür wird das Triumphmarschensemble in sich sinnlos gekürzt und angereichert mit Ausschnitten aus der im Vorjahr gelaufenen Restaurierung der Inszenierung von 1913, ästhetisch etwas wie Cecil B. de Milles „zehn Gebote“ im leicht verwackelten Standbild. La Fura bauen unterdessen an einem riesigen 3-D-Puzzle aus glänzenden Quadern, in denen sich die Blitze der fotografierenden Zuschauer verzerrt spiegeln. Später wird sich das Ganze auf Aida und Radames hinabsenken, von deren Schlussduett (Eichinger: „Musik für die Ewigkeit“) der Fernsehzuschauer natürlich nur einen kleinen Ausschnitt geschenkt bekommt. Es könnte ja jemand abschalten – wenn noch wer übrig ist.  Selbst „der dramatischste Akt, der sogenannte Nilakt“ (Villazon) muss ohne seinen Kern auskommen, die Konfrontation Aida-Amonasro, einen der dramatischen Höhepunkte der Musikgeschichte schlechthin.  Dafür plantschen Statisten im Krokodilskostüm – kein Witz oder zumindest ein sehr schlechter – durch die virtuos ausgekippte Wasserpfütze. Der Glatzkopf mit dem Stock verhaftet Radames und lässt ihn verurteilen. Er scheint mächtig zu sein. Schlussduett, wie gesagt kurz, knackig und reizlos. Applaus. Auch der nur in zwei kurzen Schnipseln.

Diese „Aida“ verhält sich zu Verdis Werk wie der gleichnamige Vergnügungsdampfer zu einem „richtigen“ Kreuzfahrtschiff: eine unfreiwillige Parodie, zeitgeistig, geschmacklos und – mit höchstem finanziellen Aufwand – billig. Die Sendung ist keine Würdigung, sondern ein Tritt ins Gesicht des Dramatikers Verdi, dessen Stück so zerschnitten erscheint, dass niemand, der es nicht schon mehrfach erlebt hat, die kleinste Chance hat, der Geschichte zu folgen, vom musikalischen und dramaturgischen Aufbau ganz zu schweigen. Kein Nicht-Operngänger, der sich auf diese aneinander geklebten Oberflächenschnipsel eingelassen hat, wird auch nur erwägen, je ein Opernhaus von innen zu betrachten. Numi, pieta!

Die komplette, vielleicht gar ungekürzte Angelegenheit soll man übrigens auf den Internetseiten des ZDF nachverfolgen können. Viel Spaß!

Kritik der vollständigen „Aida“-Aufführung in der Arena die Verona