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Unterwasserreise durch die eigene Vergangenheit

Johannes Kalitzke: Kapitän Nemos Bibliothek

MusiktheaterPremiere:  (UA)   Theater: Schwetzinger Festspiele
Regie: Christoph Werner  Musikalische Leitung:  Johannes Kalitzke   Foto: Elmar Witt 
Von Roberto Becker am 30.04.2022

Das Rokoko-Theater im Schwetzinger Schloss ist eines der schönsten seiner Art und geradezu prädestiniert für diverse barocke Ausgrabungen. Da es aber auch Zentrum der mittlerweile ins 70. Jahr gehenden SWR-Festspiele ist, ergibt sich durch diesen Brückenschlag über die Jahrhunderte von der handgemachten zu einer in alle Welt übertragbaren Oper von selbst: Wenn ein Rundfunksender hier Festspiele veranstaltet, dann muss man sie einfach mit Novitäten des Genres bereichern.

Für den aktuellen, zum Glück wieder vor (wenn auch maskiertem) Publikum stattfindenden Jubiläumsjahrgang ging der Kompositionsauftrag dazu an den Kölner Dirigenten und Komponisten Johannes Kalitzke (63). Der hatte vor sechs Jahren im Schwetzingen benachbarten Theater Heidelberg mit der von Johann Kresnik in Szene gesetzten Uraufführung seiner Oper „Pym" Furore gemacht. Schon in diesem, hauptsächlich einer Vorlage von Edgar Allan Poe folgenden Musiktheater ging es um einen recht abenteuerlichen Selbstfindungstrip auf hoher See.

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Wie aus einem Guss

Äußerlich in deutlich ruhigerem Fahrwasser, aber ebenfalls mit nautischen Bezügen, geht es nun wieder zu. Das Libretto zu „Kapitän Nemos Bibliothek“ hat Julia Hochstenbach aus dem gleichnamigen Roman von Per Olov Enquist destilliert. Was bei der Komplexität der Vorlage und Eigentümlichkeit der Erzählweise an sich schon eine bemerkenswerte Leistung ist. Selbst wenn sich auch in dieser bühnentauglichen Version der Geschichte am Ende nicht jedes Detail auf Anhieb erschließt. Es bleibt ein Rest, der allein durch die atmosphärische Imagination der Musik für sich steht – was kein Nachteil ist, wenn die über genügend Kraft und Intensität verfügt.

Kalitzke, der selbst am Pult stand, hat für das famos auf ihn eingestimmte zehnköpfige Ensemble Modern geschrieben. Ein musikalischer Hauptvorzug dieser Uraufführung ist mithin ihre authentische Interpretation. Auch die von Kalitzke gerne verwendeten elektronischen Beimischungen und die Balance mit den mit Mikros ausgestatteten Sängern wirkt hier wie aus einem Guss.

Die vorgesehenen Aufführungen unter Werkstattbühnenbedingungen bei den koproduzierenden Bregenzer Festspielen dürften erhebliche Anpassungen erfordern. Regisseur Christoph Werner und seine Bühnenbildnerin müssen unter anderem mit einem enormen Unterschied der Bühnenbreite von 9 bzw. 24 Metern klarkommen. In Schwetzingen saß die Bühne wie maßgeschneidert. Angela Baumgart hat sich die barocke Architektur geradezu anverwandelt: Es ist eine beschirmende Halbkugel mit lauter Panoramafenstern hinter denen die Videokünstlerin Conny Klar mit ihren kunstvoll animierten Cartoons die Welt imaginiert. Vom realen Dorf bis hin zur Unterwasser- (beziehungsweise Innen-) Welt der beiden Helden der Geschichte.

Aufwachsen voller Katastrophen

Es geht um zwei Jungs in einem schwedischen Dorf, die bei der Geburt vertauscht worden sind. Als man das im Alter von sieben Jahren bemerkt, werden sie – um die göttliche Ordnung wieder herzustellen – aus ihrem bisherigen Familienzusammenhang gerissen  und zurückgetauscht. Für die religiös engstirnige Dorfgemeinschaft ist der Fall damit erledigt. Für die Betroffenen und ihr näheres Umfeld wird damit das Ende der Kindheit und das beginnende Erwachsenwerden zu einer Folge von Katastrophen. Für die beiden Jungs ist Nemos Bibliothek ein Ort des Rückzugs und der Raum für die Selbstreflexion. In den fünf das äußere Geschehen jeweils reflektierenden Szenen in „Kapitän Nemos Bibliothek“ wird die Bühne durch Videos zu Vernes Nautilus auf Unterwasserfahrt. Mit aufsteigenden Blasen, Wasserpflanzen oder auch mal einem vorbei schwimmenden Hai. Conny Klar drängt sich mit diesen Videos nie in den Vordergrund, sondern erinnert eher an den Charme von barockem Prospekttheater.

Der Clou der szenischen Umsetzung besteht aber in der Erweiterung des fünfköpfigen Protagonisten-Ensembles durch zwei Puppen. Da sich die beiden vertauschten Jungs als Heranwachsende zurückerinnern, sind die zwei kindlichen Puppen-Alter Egos dramaturgisch äußerst sinnvoll, weil sie die menschlichen Protagonisten nicht einfach ersetzten, sondern ihre Existenz in die Vergangenheit erweitern.

Dieses doppelte Spiel mit Puppen war – so bekannte er im Vorfeld – ein lang gehegter Wunsch des Komponisten. Dass er sich für die Realisierung mit Christoph Werner einen der versiertesten Puppentheaterchefs des Landes vom Puppentheater Halle als Regisseur dazu holte, war für die szenische Realisierung ein Glücksgriff.

Das gilt auch für die menschliche Version der von jeweils zwei erfahrenen Spielern (Ines Heinrich-Frank, Franziska Rattay, Lars Frank und Nico Parisius) geführten Jungspuppen. Der eine mit der Rollenbezeichnung "Ich" ist der russische Counter Jurii Iushkevich. Der verfügt nicht nur über einen faszinierenden, kraftvoll sicheren Sopran. Der 24-Jährige ist auch mit seiner knabenhaften Erscheinung eine Idealbesetzung. Das gilt ebenso für den anderen, Johannes, den Sopranistin Johanna Zimmer ebenso überzeugend verkörpert. „Nur“ in ihrer herkömmlichen menschlichen Gestalt ist Noa Frenkel in den Mutterrollen mit von der Partie. Dabei verlangt ihr besonders die verwirrte Alfild viel darstellerischer Verausgabung ab. Reuben Willcox verkörpert mit gravitätischem Habitus den Pastor und mit autoritärer Geste als Sven Hedmann einen exemplarischen Herrn im Haus. Rinnat Moriah ist jene Eva-Lisa, die als Pflegetochter ins Spiel und dann als ungewollt Schwangere („Unzüchtige“) nach einer Fehlgeburt unter die Räder kommt. 

Kalitzkes Musik entfaltet auch in seiner siebenten Oper mit lakonischer Pointiertheit eine eigene theatralische Sogwirkung, vermag die Dimension der Parlando-Passagen auch durch die geschickte und wohldosierte Melange mit elektronischen Beimischungen allemal zu erweitern und sich in den Momenten katastrophischer Zuspitzungen auch effektvoll zu steigern. So entsteht eine mit einem Restgeheimnis behaftet Geschichte in einem obendrein visualisierten Klangraum. Die Figur Johannes sagt an einer Stelle: „Wenn man den Schmerz fortwirft, war er vergebens. Dann hat er nur wehgetan.“ Hier, in „Kapitän Nemos Bibliothek" wird nichts weggeworfen.

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