Erst am 17. Juni wurde die letzte Münchner Aufführung von Alain Platels im Schauspielhaus uraufgeführtem Furorestück „Tauberbach“ – eine Einladung, Theater mit allen Sinnen zu erleben – noch einmal kräftig beklatscht. Einen Tag darauf: Meg Stuarts Uraufführung „Until our hearts stop“. Eine krasse Herausforderung, herkömmliche (Erfahrungs-)Grenzen auf der Suche nach neuen, zwischenmenschlich besseren(?) Begegnungsformen einzureißen. „Unsere Welt besteht aus Regeln. Diese gilt es zu verhandeln“, erklärt Stuart im Interview mit ihrem Dramaturgen Jeroen Versteele. Und dass es „manchmal nicht genug Bereitschaft gibt, albern und kreativ zu sein.“ Abhilfe soll ein esoterisch-aufgeladener Performance-Trip schaffen, für den das Ausstatter-Team Doris Dziersk (Bühne) und Nadine Grellingen (Kostüme) die Spielhalle in ein swingertaugliches, violettes Keller-Nachtclub-Ambiente mit schwarzem Sofa sowie einer zentralen, rautenförmig-lackglänzenden Spielfläche verwandelt haben.
Der Raum als Wohlfühlzone für Hemmungslosigkeit. Einmal drin, wird man schnell Teil einer freakigen Gemeinschaft, die sich zärtlich kost, magmaartig knuddelt, lustvoll balgt oder zu akrobatischen Fleischtürmen aufbaut, auf die nackte Haut des Andern schlägt bzw. dem Partner einen Tonkopf an die Birne modelliert, der anschließend auf dem Boden wieder zu erdiger Masse gemanscht wird. Den für städtische Theater ungewöhnlichen, hauptsächlich in Berlin (Stuarts Wahl-Heimat) stattfindenden Probenprozess haben u.a. Tantra- und Hypnose-Workshops bzw. Motivationsbegriffe wie Begierde, Verlangen, Intimität und Körpersicherheit bei totaler Nacktheit geprägt. Und die enge Zusammenarbeit mit dem jazzsoundgenialen Musikertrio Paul Lemp (Bass), Marc Lohr (Schlagzeug) und Stefan Rusconi (Klavier/Trompete).
Wie klanglich dicht und dabei empfindsam die drei selbst persönlichkeitsentblößendste Situationen über zwei Stunden hinweg live und hinzuagierend begleiten, trägt entscheidend zum Gelingen des interaktionsfreudigen Abends bei. Durchaus vorhandene Längen werden so – im Wortsinn – gut überspielt und Energie, die in Extreme schießt, akustisch aufgefangen. Ihren Gästen freilich lässt Stuart keine Wahl. Goutiert werden muss, was ihre „Damaged Goods“ einsatzstark präsentieren. Das ist gut so! Und sehr typisch: dieses Spiel um Aggression und Verletzlichkeit, mit dem Stuart mal politische, mal soziale Strukturen bricht und den Betrachter aus seiner vermeintlich geschützten Bequemlichkeit rüttelt.
