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Über Wasser, unter Wasser

Carolin Millner: Tod der Treuhand

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Theater Magdeburg
Regie: Carolin Millner   Foto: Nilz Böhme   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Michael Laages am 28.09.2020

Der Name hat überlebt, als Schriftzug jedenfalls an zentralen Gebäuden und Firmen-Signet in Magdeburg: vier Buchstaben – SKET. Aber wer erst in späteren Nachwendezeiten nach Magdeburg kam, wird womöglich grübeln, was das eigentlich heißt; und auch über den Kampf um das „Schwermaschinen-Kombinat Ernst Thälmann“, geführt mit der staatlichen Treuhand-Gesellschaft und deren Nachfolge-Institutionen sowie mehreren Unternehmen und Investoren, werden etwa junge Leute heute nur vom familiären Hörensagen informiert worden sein. Pünktlich zum 30. Jahrestag der von den Bürgerbewegungen in der DDR erstrittenen deutschen Einheit erzählt die Regisseurin Carolin Millner am Theater der Stadt von der Wirtschaftsschlacht um SKET. Fast ein Jahrzehnt lang war ja die Zukunft der Arbeit am Standort Magdeburg überhaupt nicht sicher.

„Tod der Treuhand“, Millners „Stückentwicklung“, ist vor allem eine Stimmen-Sammlung. Basis der Theaterarbeit ist die reale Recherche, Schauspielerinnen und Schauspieler übertragen das auf Statements und Fakten basierende Material auf die Bühne – die Methode erinnert entfernt an die Arbeiten der „werkgruppe 2“, die zunächst als freie Gruppe unterwegs war und mittlerweile unter dem Patronat verschiedener Stadt- und Staatstheater (Göttingen, Braunschweig, Oldenburg) lokale und regionale, historische und soziale Spurensuche betreibt. Carolin Millner, die zum Studio-Team der Frankfurter Naxos-Halle gehört und sowohl in der freien Szene als auch im Stadttheater arbeitet, hat zahlreiche Charaktere aus der SKET-Welt versammelt und trägt Zeitzeugen-Kommentare zusammen: von Arbeiterinnen und Arbeitern aus den Betrieben, aus der mittleren und höheren Leitungsebene des zur Abwicklung anstehenden Groß-Unternehmens, aus der Berliner Zentrale der Treuhand-Gesellschaft. Einige reale Namen – wie der von Treuhand-Chefin Birgit Breuel oder der des ermordeten Chef-Treuhänders Detlev Karsten Rohwedder, der die Staatsfirma vor ihr leitete – sind dezent in Dialogen und Dokumenten versteckt. Im Programmheft zieht Christa Luft Bilanz der Treuhandarbeit; die Ökonomin saß seit 1994 zwei Legislaturperioden lang für die PDS im Bundestag.

Die Sprache bleibt durchgängig sehr authentisch in den Texten, aus denen Millners Team das Stück entwickelt hat, als Gemisch aus Verzweiflung im Niedergang und Energie beim Aufbruch in die neue West-Welt repräsentiert das Material die Geister der Zeit: besonders nachdrücklich in einer kleinen Unterrichtsstunde über die Kunst des Klinkenputzens als Vertreter und Verkäufer und gegen Ende im Rückzugsmonolog einer in die Arbeitslosigkeit entlassenen SKET-Mitarbeiterin, die nun den eigenen Garten als feste Burg zum Rückzugs- und Überlebensraum erklärt. Aber ob sich die Betroffenen und Getroffenen nun der Verzweiflung überlassen oder das neue Leben wirklich erobern wollen um jeden Preis: Alle sind sie gezeichnet von der Katastrophe. Sie waren in Lebensgefahr.

„Tod der Treuhand“ ist als Stücktitel bewusst mehrdeutig – denn wer stirbt hier wirklich? Und als hätte sich die Texte-Sammlerin als Regisseurin ein wenig gesorgt um allzu tragische Wirkungen dieses Recherchematerials, beschwört sie für die Inszenierung eine ziemlich verstörende Bilderwelt – jeder und jede kommt hier als Wasserwesen daher. Die eher Unbeweglichen müssen wie Seehunde auf Flossen durch das Wasserbecken robben, das die Bühne von Maylin Habig dominiert vor einer zweigeschossigen Wand, die Verwaltungsbau oder Schleuse sein könnte. Und auch der Abwicklungsbeauftragte im Anzug hat gegen Ende lange zu kämpfen mit der Flut, die er ja selbst mit herauf beschworen hat. Unter und über Wasser sind sie alle.

Die recherchierten Geschichten und die Bilder bleiben auf diese Weise immer im Kontrast – vielleicht auch als Zeichen, dass einfache Wahrheit nicht zu finden ist in dieser dramatischen Geschichte. SKET war einst Magdeburgs wichtigster Arbeitgeber und trug bei zur lokalen Identität. Mit etwa einem Drittel an Arbeitsplätzen sind die Nachfolger mit dem alten SKET-Schriftzug mittlerweile wieder wichtig für den Arbeitsmarkt der Stadt. Immerhin.

Das Theater schickt uns auf die Spur.

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