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Traumreise?

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Entführung aus dem Serail

MusiktheaterPremiere: Theater: Oper Köln
Regie: Kai Anne Schuhmacher  Musikalische Leitung: Rainer Mühlbach   Foto: Paul Leclaire 
Von Andreas Falentin am 14.03.2022

Die Idee der Regisseurin Kai Anne Schuhmacher überzeugt: Die ganze „Entführung aus dem Serail“ wird auf die Beziehung zwischen Konstanze und Belmonte konzentriert. Nichts Orientalisches also, kein Setting voller Rassismus- und Klischeefettnäpfe. Es beginnt auch verheißungsvoll anders. Von links kommt einer, ulkig gewandet, und schiebt ein weißes E-Piano herein, enthüllt es, spielt darauf. Ein anderer kommt, gekleidet ein wenig wie ein Zirkusdirektor, und rezitiert dazu ein Gedicht, möglicherweise von Heinrich Heine, über das Problem, eine harmonische, lebendige Beziehung zu führen. Er tut es brillant. Während der Ouvertüre wird dann ein schlafendes Paar in der Tücherlandschaft sichtbar. Sie, wohl schwanger, steht auf, packt etwas in einen Koffer und geht. Merkwürdige Gestalten sehen ihr vom Rand zu.

Liebesschule mit bunten Masken

So weit, so schön. Aber ist’s Traum, ist’s Wirklichkeit? Und wo geht sie hin? Später begegnen wir Konstanze, der jungen Frau, im „Serail“. Hier befindet sie sich in der Obhut (oder unter der Herrschaft) von Bassa Selim, dem Gedichtrezitator. Aber hier fangen die Probleme an: Wer ist er, wenn er kein intellektueller orientalischer Machtmensch ist? Wer sind diese von den Choristinnen und Choristen dargestellten Masken? Folgt man dem Programmheft, handelt es sich um allegorische Figuren. Folgt man dem eigenen Blick, erkennt man durchaus originell verzerrte Bildklischees aus der Zirkus-, Varieté- und vielleicht auch Karnevalswelt. Als ein Bildspender der Kostüme von Valerie Hirschmann lässt sich das Kino-Musical „The Greatest Showman“ ausmachen, das im Zirkusmilieu des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Aber was heißt das jetzt für dieses „Serail“? Ist es eine Liebesschule? Und wenn ja, wer lehrt hier? Der von Florian Reiners beeindruckend gesprochene Bassa spricht zu Beginn und am Ende kluge Worte. Dazwischen kommt er weiß geschminkt daher, oft mit freier Brust, ein Hedonist, ein postexpressionistischer Grusel-Bösewicht. Eine Figur kann und darf er nicht sein. Als Belmonte erscheint, auf der Suche nach seiner Frau, erweist sich Osmin (Lucas Singer mit begrenzten stimmlichen Möglichkeiten, aber viel Spielenergie) als eine Art Störsender, gleichsam als reine dramaturgische Funktion. Er soll Belmonte von Konstanze fernhalten, sonst nichts. Man interessiert sich so wenig für ihn wie für seinen Gegenpart Pedrillo (souverän in Ton und Spiel: Dustin Drosdziok) oder die auch stimmlich nicht überzeugende Blonde (Rebecca Murphy).

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Unsympathischer Held

So führt die Flucht Konstanze nicht zu einer „Reise“ (wieder das Programmheft). Belmonte – ein weinerlicher Typ im Schlafanzug, der glücklich ist, wenn er was zu trinken hat – sucht und findet sie schließlich. Der Bassa hält seinen Vortrag und gibt beide frei. Warum das so lange gedauert hat, versteht man nicht recht. Welche Folgen das für das Paar haben könnte, erfährt man nicht.

Häufig kann in solchen Fällen die Musik helfen, eine emotionale Verbindung aufbauen, auch Handlung dynamisch steuern. Rainer Mühlbach und das Gürzenich Orchester tun dafür, vor allem vor der Pause, sehr viel, spielen nuanciert und dynamisch fein abgestuft. Nur ist das Bühnengeschehen eben kein Dynamisches, bekommt man zwar viele Eindrücke, die aber aufgrund der beschriebenen Unschärfe bunte Fäden bleiben und sich nicht zum Handlungsstrang formen. Zumal der Chor, besonders im Finale, doch ein wenig über den Daumen singt und man auch sängerisch mit den sehr jung besetzten Hauptfiguren nicht vollkommen glücklich wird. SeungJick Kim spielt Belmonte rollendeckend als Waschlappen und hat die richtige Stimme für die Partie, der es allerdings noch ein wenig an Kontur fehlt. Auch deshalb hat er mit den Koloraturen etwas zu kämpfen. Bemerkenswert hingegen sind Phrasierung und Textverständlichkeit. Katrin Zukowski hat einen wunderbar gerundeten, bildschön timbrierten Sopran und verfügt über eine ausgereifte Technik und musikalische Artikulation. Dennoch scheint die Konstanze etwas zu groß dimensioniert für ihre Stimme. Ihre Möglichkeiten der dynamischen Gestaltung dieser Partie erscheinen, zumal in der ungewöhnlichen Akustik des Staatenhauses, arg begrenzt, in der unteren Terz ist sogar ein deutlicher Registerbruch zu hören.

Attraktive Verwandlungen der Tücherlandschaft

Was bleibt, ist eine handwerklich starke Personenführung und einige schöne Bilder. Dominique Wiesbauer bringt mit der tendenziellen Nicht-Bühnentechnik des Staatenhauses erstaunliche, oft attraktive Verwandlungen der Tücherlandschaft zuwege. Besonders die Belebungen durch Schattenspiel überzeugen, sind nicht nur schön anzusehen, sondern spiegeln auch die die Inszenierung umklammernde Frage nach Traum und Realität. Was ist hier Täuschung, was echt? Was wird wirklich mit Händen und Körpern hervorgebracht, was ist Schattenwurf und was digitale Projektion? Was ist Schein und Sein und was wirklich wichtig? Hier findet sich das Konzept, wenn auch nur für Momente und unwillkürlich. Um es wirklich umzusetzen, hätte man mit der Partitur vielleicht radikaler umgehen müssen, als es in Köln geschah, trotz einer ausgelassenen Arie (der Blonde) und kleinerer Eingriffe in die Stimmen. Und man hätte am Schluss definitiv gerne mehr als einen Ton von Lucas Singer am E-Piano gehört. So war das nur – ein Gag.

 

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