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Tragisches Dreieck

Claudio Monteverdi, Sebastian Schwab: Odysseus' Heimkehr

MusiktheaterPremiere:  (UA)   Theater: Theater Bielefeld
Regie: Wolfgang Nägele  Musikalische Leitung: Gregor Rot   Foto: Bettina Stöß 
Von Christoph Schulte im Walde am 29.08.2021

Das Thema könnte aktueller eigentlich nicht sein: Was geht in Menschen vor sich, die ihre Familie, ihre Heimat hinter sich gelassen haben, um Krieg zu führen und dann nach langer, langer Zeit wieder nach Hause zurückkehren? Was ist mit den Kriegern selbst passiert? Und was mit deren Angehörigen? Um diese Fragen kreist Claudio Monteverdis „Il ritorno d‘Ulisse in patria“ aus dem Jahr 1640. Es sind überzeitliche Fragen, die wohl in jeder Generation virulent sind, weil auch Kriege sich leider wie ein roter Faden durch die Menschheit ziehen. In Bielefeld kam nun eine musiktheatralische Neuschöpfung zur Uraufführung, bei der Komponist Sebastian Schwab, Jahrgang 1993, Monteverdis musikalisches Material zum Ausgangspunkt eigener künstlerischer Auseinandersetzung machte: „Odysseus‘ Heimkehr“.

Dabei konzentrieren sich Sebastian Schwab und Regisseur Wolfgang Nägele ausschließlich auf das Beziehungsdreieck Odysseus, Penelope und Telemaco, also Vater, Mutter, Sohn. Alles andere fällt weg. Keine Götter, keine Nebenhandlungen. Was natürlich bleibt, sind die fünf Freier, die während Odysseus’ zwanzigjähriger Abwesenheit girrend um Penelope werben. Erfolglos, erst recht in dem Moment, da Odysseus inkognito – er ist als heruntergekommener Bettler nach Hause zurückgekommen – die Prüfung besteht und als einziger die Kraft aufbringt, Pfeil und Bogen zu bedienen. Das Ergebnis: fünf durchbohrte Freier, die schon gleich zu Beginn von Schwabs Oper tot auf der Drehbühne liegen – Verweis auf die Konsequenz dieser Rückkehr des Helden von Troja. Dieses Bild mit den fünf Leichen kehrt erwartungsgemäß kurz vor dem Schluss noch einmal wieder. Vollends tragisch aber wird es nach dem mehrfachen Mord. Denn Penelope lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich zu einer selbstbewussten, starken Frau entwickelt hat. Ihre existenziellen Gedanken über sich und ihren Partner führen zu einem klaren Ergebnis: Ein Zurück zu der Beziehung, wie sie vor zwanzig Jahren einmal war, wird es nicht geben. Und sei Odysseus noch so kraftstrotzend. Dafür findet Wolfgang Nägele ein plastisches und emotional dichtes Bild: Die traute Runde am Frühstückstisch, an dem Vater Odysseus die Zeitung liest, Telemaco artig sein Brot isst und Penelope für Kaffee sorgt, nimmt eine jähe Wendung. Penelope lässt ihren Teller samt Toast zu Boden fallen, steht auf – und geht. Heimchen am Herd wird sie fortan nicht wieder sein (Telemaco schlüpft an ihrer Stelle in diese Rolle).

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Die Regie verortet die Handlung schlüssig in den frühen 1950er-Jahren. Da gab es auch Heimkehrer, die völlig andere Situationen vorfanden als erwartet und/oder erhofft. Bühne und Kostüme (Timo Dentler und Okarina Peter) unterstreichen diese Zeitebene. Im Mittelpunkt eine Wendeltreppe, ein paar Möbel, eine Vitrine mit Exponaten des so lange abwesenden Odysseus: Bogen, Pfeil, Rüstung, Helm. Und eine runde Wandfläche, die verschiebbar ist – mal als Hintergrund dienend, mal in der vorderen Position als Paravent. Das ist raffiniert gemacht.

Sebastian Schwabs Musik ist zweifellos inspiriert von Monteverdi. Aber er findet auch ganz neue Klänge für die von Gregor Rot geleiteten Bielefelder Philharmoniker in Kammerbesetzung an 16 Pulten. Da entstehen irisierende, zerbrechliche Klangflächen, intonieren Blechbläser heldenhafte Töne, erklingen lyrische, ja geradezu romantische Melodien… – ein „Patchwork“ im besten Sinn, das eng mit dem Geschehen auf der Bühne verbunden ist. Musik, die niemanden verstört, die Dutzende Anleihen an die reiche Tradition macht (und beileibe nicht nur auf Monteverdi rekurriert), sich zudem noch sehr „sängerfreundlich“ gibt. Beste Voraussetzungen also für das Ensemble, das durchweg auf hohem Niveau singt und spielt.

Gut möglich, dass Odysseus‘ Wiederkehr nach dieser Uraufführung Interesse auch an anderen Häusern weckt. Weil das Stück vielseitige, eben überzeitliche Interpretationen nicht nur zulässt, sondern sogar zu solchen herausfordert.

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